Sport : Schritte, die sprachlos machten

John Woodruff, der letzte amerikanische Leichtathletik-Olympiasieger von 1936, ist tot

Martin Krauss

800 Meter waren zu laufen, kurz nach dem Start gab es ein Geschubse, und nach 300 Metern war John Woodruff eingekeilt. Der Amerikaner war beim Finale im 800-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 ohnehin nur als Außenseiter angetreten. Phil Edwards aus Kanada und Mario Lanzi, der Europameister aus Italien, galten als Favoriten. Woodruff, den sie wegen seiner langen Beine „Long John“ riefen, ließ sich zurückfallen. „Ich hatte mir ausgerechnet, dass es die einzige Möglichkeit war zu gewinnen“, erklärte er später. „Die Leute hatten gesagt, ich hätte abgebremst und sei beinahe stehen geblieben. Aber ich blieb nicht beinahe stehen, sondern ganz. Und jeder lief an mir vorbei.“ Dann erst konnte Woodruff sein Rennen machen.

Von „riesengroßen Schritten, die im ersten Augenblick sprachlos machen“, berichtete später das deutsche Olympiabuch. „Ich halte es für die ungewöhnlichste Renneinteilung, die es je gegeben hat“, sagt der Olympiahistoriker David Wallechinsky. Und der damalige Korrespondent der „New York Times“ berichtete, er habe bei Woodruff mehr Schrittwechsel gesehen, „als bei einer Wildziege in den Bergen“. Woodruff gewann. Sein 800-Meter-Gold zählt zu den beeindruckendsten Leistungen.

John Youie Woodruff wurde 1915 in Pennsylvania geboren. Seine Großeltern waren noch Sklaven, seine Eltern arbeiteten als Tagelöhner und waren „überwiegend Analphabeten“, wie es Woodruffs Sohn John jr. ausdrückt. Aber „Long John“ kam zur Universität von Pittsburgh und schaffte die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 1936. Später schloss er in Soziologie ab und wurde Offizier der US-Army. Er diente im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg. 1957 verließ der Oberstleutnant die Armee und kehrte als Jugendtrainer in den Sport zurück.

Sein Nachbar und Freund wurde Marty Glickman, wie Woodruff 1936 Mitglied der Olympiamannschaft. Glickman, ein weißer Jude, war ursprünglich für die 4-x-100-Meter-Staffel eingeplant gewesen. Am Tag vor dem Finale kam auf Geheiß der Teamleitung um den späteren IOC-Präsidenten Avery Brundage der Trainer zu Glickman und teilte ihm mit, dass er nicht laufen wird. Man wolle Hitler nicht brüskieren, dass er Juden die Hand geben müsse, so gab Glickman die Geschichte wieder. Für ihn rutschte der nicht vorgesehene Jesse Owens in die Staffel, gewann so sein viertes Goldme und wurde zum amerikanischen Triumphator über das Rassenbild, das die Nazis bei den Spielen dominieren sehen wollten.

Vor fünf Jahren wurden Woodruffs Beine amputiert – wegen Durchblutungsstörungen. „Welche Tragödie, welche Ironie“, sagt der Sporthistoriker John Lucas. „Der Kerl mit den längsten Beinen und den schnellsten Beinen!“ Woodruff war der letzte Überlebende der amerikanischen Leichtathletik-Olympiasieger der Spiele 1936. Am vorigen Dienstag starb er mit 92 Jahren in einem Pflegeheim in Fountains Hill/Arizona.

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