Sport : Schub für Schumacher

Die Formel-1-Reformen machen die Rennen spannender, begünstigen aber ausgerechnet den Piloten, der gebremst werden soll

Frank Bachner,Christian Hönicke

Von Frank Bachner

und Christian Hönicke

Ob es eine der sündhaft teuren Cohibas war, konnten die Beobachter nicht genau sehen. Es war ziemlich dunkel in der Bar des „Golf Hotel“ in Madonna di Campiglio, aber auf jeden Fall hatte Michael Schumacher eine dicke Zigarre im Mund. Keine Frage, der fünfmalige Formel-1-Weltmeister aus Kerpen genoss das Leben am Mittwochabend in dem italienischen Wintersportort. Es waren ja auch die letzten Tage, in denen er noch ausgelassen feiern konnte. Ab Montag muss der Ferrari-Pilot zu Tests nach Barcelona. Seine Partystimmung wurde auch nicht durch die Hauruck-Aktion des Motorsportweltverbands Fia getrübt. Die Fia hatte am Mittwoch bedeutsame Regeln in der Formel 1 geändert. Es gibt Leute, die reden sogar von einer Revolution. Dadurch soll das Milliarden-Unternehmen Formel 1 billiger und die Überlegenheit von Ferrari und Schumacher eingeschränkt werden. Die Rennen werden spannender, weil jetzt wieder mehr die Fähigkeiten der Fahrer gefragt sind. Am stärksten profitieren wird also der beste Pilot. Nur: Das ist der schon jetzt überlegene Michael Schumacher.

Die wichtigsten Änderungen:

Verbot der Traktionskontrolle: Die elektronische Traktionskontrolle an den Autos verhindert bislang, dass die Räder durchdrehen. Damit konnten die Piloten vor allem in den Kurven auf dem Gaspedal bleiben. Durch das Verbot müssen die Piloten jetzt wieder mit Feingefühl die optimale Geschwindigkeit in den Kurven finden. Vor allem bei nassen Strecken werden die Unterschiede zwischen den Piloten auffallen. Auch die Startautomatik, die beim Anfahren das Durchdrehen der Räder verhindert, soll verboten werden.

Übertragungsverbot von Telemetriedaten sowie Verbot des Funkverkehrs zwischen Pilot und Box: Die Teams können jetzt nicht mehr von der Box aus die Motorleistung beeinflussen, weil sie keine Daten mehr erhalten. Außerdem darf der Pilot jetzt nicht mehr mit dem Teamchef oder dem Renningenieur per Funk reden. Im vergangenen Jahr hatte Ferrari-Pilot Barrichello per Funk die Anweisung erhalten, Schumacher gewinnen zu lassen. Das hatte für große Empörung bei Fans und Medien gesorgt.

Das automatische Getriebe wird abgeschafft: Seit 2001 mussten sich die Fahrer kaum noch um das Einlegen der Gänge kümmern – das erledigte die Elektronik für sie. Das Verbot führt fast zwangsläufig zu Schaltfehlern, und wenn der Vordermann einen solchen Fehler begeht, kann man ihn leichter überholen. Bei Michael Schumacher dürften sich diese Aussetzer jedoch in Grenzen halten. Er fuhr früher sogar noch ein Formel-1-Auto mit echtem Schaltknüppel. Und legte mit unglaublicher Geschwindigkeit und Präzision die Gänge ein. Kein Wunder, dass Schumacher besonders diese Änderungen begrüßt: „Die Richtung ist positiv.“

Pro Team werden nur noch zwei Autos für ein Rennen zugelassen: Die teuren Ersatzwagen gibt es nicht mehr. Eine gute Nachricht für die von der Pleite bedrohten Teams, denn ihre Kosten sinken dadurch. Das bedeutet aber auch: Wer im Training seine Autos zerstört, hat keine Startmöglichkeit mehr. Die beiden Autos müssen sowohl für das Qualifikationstraining als auch für das Rennen ausgelegt sein, weil an ihnen nach dem Qualifying nur noch unter Aufsicht gearbeitet werden darf. Dadurch soll verhindert werden, dass die Teams etwa für das Qualifying spezielle Motoren bauen, die zwar stärker, aber auch kurzlebiger und damit teurer sind.

Zudem sollen bis 2006 weitere Reformen greifen, um die Kosten zu senken. So soll es einheitliche Heckflügel und Bremsen geben. Die Lebensdauer vieler Teile, speziell der Motoren, wird erhöht. Außerdem dürfen die Teams Teile untereinander austauschen.

Nach dem ersten Schock über die radikalen Reformen reagierten die meisten Teams positiv. Toyota begrüßt die Reformen und geht davon aus, dass sie schon 2003 greifen. Eddie Jordan, dessen Team ums Überleben kämpft, jubelt sogar: „Das ist der schönste Tag in meinem Leben.“ BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen bezweifelt dagegen, „dass alle 2003 vorgesehenen Maßnahmen umgesetzt werden“. Am Freitag beraten alle Teamchefs über den Zeitplan. Vor allem das Verbot der elektronischen Fahrhilfen ist problematisch, weil fast alle Autos schon gebaut sind. Wenn die Kosten für den Ausbau der Hilfsmittel zu hoch sind, werden sie wohl erst 2004 verboten.

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