Sport : Schüchterner Falke

Paolo Savoldelli erobert die Führung beim Giro

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Es geschah auf der Cima Coppi am Stilfser Joch. In 2758 Meter Höhe entledigte sich Paolo Savoldelli unverhofft eines wichtigen Mitkonkurrenten um den Gesamtsieg im Giro d’Italia. An der Stelle, wo ein Relief den legendären Fausto Coppi rühmt, brach Ivan Basso ein und verlor unglaubliche 42 Minuten. Tage zuvor in den Dolomiten hatte der Kapitän vom CSC-Team noch das Rosa Trikot des Führenden erobert. Jetzt ist Savoldelli die Nummer eins. Der Kapitän von Discovery Channel ist in Italien längst ein Held, aber er bleibt seinem amerikanischen Gönner treu. „Ich werde zur Tour de France fahren, um Lance Armstrong zu helfen“, sagt Savoldelli.

Der 32-Jährige stellt sich eben nicht gern in den Vordergrund. Er ist maßvoll, eher schüchtern und introvertiert. Zudem neigt er dazu, sich schlechter zu machen als er eigentlich ist. Zu Lance Armstrong etwa sagt er: „Er ist ein Ausnahmeathlet, ich bin lediglich ein guter Radrennfahrer.“ Seine Tifosi nennen ihn den Falken, weil er sich mit seinem Rad furchtlos und unnachahmlich die abschüssigen Strecken hinunterstürzt.

Savoldellis Profikarriere begann 1996 beim Roslotto-ZG-Rennstall. Zuvor hatte er im Malerbetrieb seines Vaters ausgeholfen. 1998 machte er erstmals auf sich aufmerksam, als er überraschend die Trentino-Rundfahrt gewann. Ein Jahr später wurde er beim Giro d’Italia schon Zweiter. Doch dann kamen die Rückschläge. 2000 stürzte er auf der ersten Giro-Etappe und fuhr die Rundfahrt wie auch die Tour de France nur mit halber Kraft. Eine Zeit lang dachte er sogar ans Karriereende. Der Giro-Sieg im Jahr 2002 entschädigte Savoldelli für die Enttäuschungen.

Dann war da noch der Dopingverdacht. 2001 interessierte sich die Staatsanwaltschaft in Bologna bei ihren Ermittlungen auch für Savoldelli, da er von dem umstrittenen Sportmediziner Michele Ferrari betreut wurde, dem man den Prozess wegen unerlaubter Dopingpraktiken machte. Savoldelli blieb Ferrari gleichwohl noch immer loyal – wie sein Vorbild Lance Armstrong auch. „Was soll ich gegen ihn sagen ? Ich wurde von ihm bis 2000 betreut, und ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen“, sagt er heute. Dann fügt er allerdings selbstkritisch hinzu: „Unter uns Radfahrern herrscht eine regelrechte Manie, sich irgendwelchen Betreuern anzuvertrauen, in dem Glauben, dass es dann leichter sei zu siegen.“

Der diesjährige Giro sei ein Rennen ohne Herrscher, urteilen unterdessen einhellig Radsportexperten. Ein grausames Ausscheidungsrennen eben. Savoldelli weiß es, und deshalb hält er sich bedeckt. Entscheidend dürfte jedoch die vorletzte Etappe sein – die Bergetappe von Savigliano nach Sestriere. „Ein fürchterlicher Anstieg zum Colle delle Finestre, 18,5 Kilometer lang mit durchschnittlich 9,2 Prozent Steigung“, sagt Savoldelli.

Lance Armstrong wäre übrigens schon zufrieden, wenn Savoldelli in Mailand auf dem Treppchen stünde. Der Amerikaner weiß, dass es nichts nützt, einen wie Paolo Savoldelli unnötig unter Druck zu setzen.

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