Schüler schreiben : "Das wird euer Leben verändern"

Bei den Paralympics dabei zu sein könnte bedeuten, eine unvergessliche Zeit zu erleben - und vielleicht eine, die das Leben verändert. Ein Workshopbericht.

Maxie Borchert
Maxie Borchert, Schülerreporterin der "Paralympics Zeitung".
Maxie Borchert, Schülerreporterin der "Paralympics Zeitung".Foto: Thilo Rückeis

Ich wusste nicht genau, warum ich so aufgeregt war, als ich die Anzeige in der Zeitung las. Es hieß, dass Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren gesucht werden, um von den „Paralympics 2012“ aus London zu berichten. Es war einer von diesen Momenten, die so einfach und schlicht scheinen, aber entscheidend sind. Manchmal gehen solche Momente an einem vorbei und später fragt man sich. „Was wäre gewesen, wenn…?“ Aber manchmal ist man sich augenblicklich über diesen kleinen, entscheidenden Moment bewusst. Wenn man Herzklopfen bekommt und alle Gedanken plötzlich nur noch um diese eine Sache kreisen. Es war wahrscheinlich eine winzige Vorahnung von dem, was auf mich zukommen würde.

Am vergangenen Wochenende sollte ich schließlich tatsächlichen einen Eindruck von dem bekommen, was bei den Spielen auf uns zukommen wird. Zusammen mit einer Schweizerin, sieben deutschen, und zehn englischen Jugendreportern ging es von Freitag bis Sonntag nach Birmingham zu einem Vorbereitungsworkshop der besonderen Art. Den Höhepunkt des Wochenendes stellte am Samstag ein Besuch bei dem „BT Paralympic World Cup“ in Manchester dar. Unsere Aufgabe für diesen Tag lautete: Schreibe einen Artikel über ein Thema deiner Wahl. Um für diese erste Herausforderung gerüstet zu sein, fand am Tag zuvor ein journalistisches Training statt.

Von meinem Bewerbungsinterview mit Lucas Ludwig für das Projekt „Paralympics Zeitung“ wusste ich, dass der paralympische Sport etwas Besonderes ist. „Anders als bei den Nicht-Behinderten, bilden wir eine eingeschworene Gemeinschaft.“, „Bei uns wirklich jeder mit Herzblut angefeuert.“, „Es herrschen immer freundliche Verhältnisse, auch unter den verschiedenen Nationen.“, so schilderte mir der Paralympionik die Atmosphäre im Behindertensport - fair, begeisternd, leidenschaftlich.

Die Schülerreporter
Gruppenbild der Schüler und Referenten am ersten Tag beim Workshop der Paralympic Post / Paralympics Zeitung im "Hillscourt Education Centre" in Rednal bei Birmingham in England. Die Schülerinnen und Schüler werden von den Paralympics 2012 in London berichten.Weitere Bilder anzeigen
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06.06.2012 15:52Gruppenbild der Schüler und Referenten am ersten Tag beim Workshop der Paralympic Post / Paralympics Zeitung im "Hillscourt...

Dieser erste Eindruck, den mir Lucas vor ein paar Monaten gegeben hatte, bestätigte sich am Wochenende nicht nur. Diesem wurde schon am Freitag bei dem journalistischen Training ein solcher Nachdruck verliehen, dass ich noch jetzt, fünf Tage danach, davon eingenommen bin. „Die Olympischen Spiele sind sehenswert, wirklich gut, aber die Paralympics - die Paralympics sind etwas Besonderes.“, das waren die Worte von Martin Mansell, einem sehr erfolgreichen paralympischen Schwimmer, der uns in London zur Seite stehen wird. Auch er beschrieb uns, dass es bei den Paralympics um viel mehr geht.

Am nächsten Tag sollten wir diese Tatsache leibhaftig erleben und ich war gespannt, was auf uns zukommen würde. Am Samstagmorgen stiegen wir alle um sieben Uhr in den Bus nach Manchester, sodass wir uns um halb zehn das Bronzefinale im 7-a-side Football ansehen konnten. Ich hatte mich vorab darauf eingestellt, dass die Spieler, aufgrund einer Hemiplegie halbseitig gelähmt sein würden. Davon bekam ich jedoch nicht viel mit. Die Spieler rannten über das Feld und kämpften um jeden Ball, es war beeindruckend.

So wenig, wie man von der Hemiplegie sah, so wenig sah man jedoch auch auf den Rängen des Stadions. Es war bedrückend, wie wenig Zuschauer gekommen waren. Nichtsdestotrotz lieferten sich die Mannschaften ein spannendes Spiel.

Es mag paradox klingen, aber auch beim Rollstuhlbasketball sah man wenig von einer „Behinderung“. Es war faszinierend wie schnell, wie wendig und wie ungehemmt sich die Spieler auf dem Platz bewegten. Regelmäßig fiel einer von ihnen samt Rollstuhl hin und sprang im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf, indem er sich heftig mit den Armen vom Boden abstieß. Es machte uns allen wahnsinnig viel Spaß dem Spiel zuzusehen. Besonders schön war es auch zu beobachten, dass, im Gegensatz zum Fußball, viele Zuschauer in die Halle gekommen waren um ihre Mannschaft anzufeuern.

Doch auch wenn die Spiele noch so fesselnd waren, durfte die journalistische Arbeit an diesem Tag nicht vernachlässigt werden. Nico, ebenfalls ein deutscher Jugendreporter, und ich wollten über die deutsche Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft schreiben. Als sich schließlich der Nationaltrainer unserer Männer-Mannschaft dazu bereit erklärte, uns ein Interview zu geben, waren wir überglücklich. Auch er bestätigte das, was auch schon Lucas Ludwig beschrieben hatte. „Es ist schon so, dass bei den Fußgängern mehr auf das Geld geschaut wird. Sport ist oft ein hartes Geschäft. Im Behindertensport kann man wirklich aufrichtigen Sport erleben und deshalb mag ich es so sehr in diesem Bereich zu arbeiten. Professionell und werteorientiert, das ist unsere Devise.“

Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Wenn ich ehrlich bin hatte ich anfangs Angst davor mit den Menschen, die mir gegenüber stehen werden, Mitleid zu bekommen. Denn natürlich ist klar, dass Mitleid das letzte ist, was die Athleten haben wollen. Aber wenn man sich Rollstuhlbasketball oder 7-a-side Football anguckt, ist Mitleid auf einmal das letzte, was einem in den Sinn kommen würde. Ganz im Gegenteil, dem weicht pure Begeisterung. Und es wird selbstverständlich, dass die Kinder in ihren Rollstühlen vor der Halle selbst in die Rolle ihres Lieblingsspielers schlüpfen und das Match nachspielen, völlig unbeschwert.
Am Ende des Tages hatte ich schließlich so viel Material, mit dem ich arbeiten konnte, dass ich beim Schreiben meines Artikels über das Ziel hinausschoss. „Zu viele Informationen...“ lautete die Kritik an meinem Text. Aber schließlich war der Workshop ja auch zum Üben gedacht, sodass jeder von uns gut vorbereitet nach London gehen kann. Letztendlich war das Schreiben des Artikels jedoch das Geringste.

Wahrscheinlich war ich Anfang März, als ich die Anzeige in der Zeitung las, wirklich deswegen so aufgeregt, weil ich es indirekt wusste. Bei den Paralympics dabei zu sein würde bedeuten, eine unvergessliche Zeit zu erleben. Und bestimmt hat Martin Mansell damit Recht gehabt, als er sagte: „Das wird euer Leben verändern.“

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