Schüler schreiben : Kraft des Moments

Ein Moment kann viel entscheiden: Ein Spiel – oder sogar ein ganzes Leben. Wie beim Abdi Jama, Rollstuhlbasketballer.

Benjamin Scholz
Benjamin Scholz und Alisha Mathis, Schülerreporter der "Paralympics Zeitung" interviewen den Rollstuhlbasketspieler Abdillah Jama (GBR) beim "BT Paralympic World Cup" in der Manchester.
Benjamin Scholz und Alisha Mathis, Schülerreporter der "Paralympics Zeitung" interviewen den Rollstuhlbasketspieler Abdillah Jama...Foto: Thilo Rückeis

Ein Moment ist schwer zu fassen, dazu noch ein einzelner. Womöglich sogar einer, der alles entscheidet. Doch in Abdi Jamas Leben gab es ihn offenbar, diesen Moment, der sein Leben veränderte. „Ich habe Freunde, die im Gefängnis sitzen, und wenn ich nicht wegen des Unfalls zum Basketball gekommen wäre, säße ich wahrscheinlich bei ihnen“, sagte der 29-jährige Rollstuhlbasketballer einmal der BBC. Heute scheint unvorstellbar, dass er jemals in kriminellen Kreisen unterwegs gewesen ist. Er hat auch keine Ambitionen, groß darüber zu sprechen.

Seitdem er nach einem Sturz aus dem Fenster im Rollstuhl sitzt, hat sich sein Leben grundlegend geändert. Ade Orogbemi, ein guter Freund Jamas und heutiger Mit-Nationalspieler, hat ihm den Weg in den Basketball geebnet. Er hat – neben Jama selbst – wohl den größten Anteil daran, dass die Menschen diesem zujubeln und er einer der bekanntesten britischen Paralympioniken zurzeit ist.

Der Versuch, sie zum Sieg zu schreien

Heute spielt Jama deswegen Seite an Seite mit Stars wie John Pollock, den Insider wegen seiner aggressiven Spielweise nur „Rottweiler“ nennen. Woher rührt die harte Gangart dieses Mannes, der – wie ein Wayne Rooney des Basketballs – jedem Türsteher Angst einflößt? „Manchmal wirst du sehr frustriert, wenn du das Spiel siehst und die Dinge nicht nach Plan laufen – das ist schwierig.“ Da spricht einer, der Erfahrung hat, der das Spiel lesen kann und merkt, wenn etwas schief läuft. So wie im Finale des BT Paralympic World Cups, als das britische Team nach einem Kaltstart gegen Ende des zweiten Viertels sogar mit 26:25 in Führung ging gegen das US-Team aus dem Mutterland des Basketballs. Das Publikum, bei diesem Klassiker selbstverständlich auf Seiten des Gastgebers, drehte auf. Der Sieg schien zum Greifen nahe. Doch dann begann das dritte Viertel und mit ihm die schlimmsten zwei Minuten in diesem Spiel aus britischer Sicht. Die US-Boys drehten das Spiel und gingen mit 49:38 in Führung. Zwar bewiesen die Briten erneut Moral und eine Sensation lag bis zum Schluss in der Luft, doch letztlich gewannen die USA mit 61:57. Die Fans gaben die Hoffnung nie auf, mit beeindruckender Ausdauer versuchten sie Pollock & Co. bis zum Schluss zum Sieg zu schreien. Welchen Sportler beflügelt derlei Enthusiasmus nicht? Oder hemmt er etwa doch, weil der Druck überwiegt? Vielleicht unerfahrene Sportler, aber nicht einen Haudegen wie Pollock: „Es ist aufregend, weil es uns hilft, für den Sport zu werben, den wir lieben. Das ist überhaupt kein Druck. Das ist es, was wir am liebsten machen.“

Nathans Traum

Den Traum, einmal an Pollocks Stelle zu stehen, verfolgt der 14-jährige Nathan aus Chester. Als leidenschaftlicher Rollstuhlbasketballer plant er seinem Idol auch bei den London Paralympics im Sommer zuzuschauen.

Und warum sollte sein Traum nicht eines Tages wahr werden? Abdi Jama hat es vorgemacht: Geboren als eines von 32 Kindern in Somalia, zog er im Alter von sechs Jahren nach Liverpool. Sein Vater hat fünf Frauen, Jama wuchs also inmitten ungewöhnlicher Umstände auf.

Wer dazu in einem Land wie Somalia das Licht der Welt erblickt, der hat es an sich nicht leicht: Tausende Menschen leiden unter dem Bürgerkrieg, daraus resultierenden Hungersnöten und der insgesamt instabilen politischen Situation.

Jama hat abgeschlossen mit der Vergangenheit

Aber Erfahrung, mag sie ach noch so bitter sein, kann oft helfen. Abdi Jama blickt längst nicht mehr zurück, er hat abgeschlossen mit der Vergangenheit. Sein Blick ist nach vorne gerichtet, auf die Paralympics. Zwar war er nicht unzufrieden mit der Finalleistung, letztendlich zählt für einen wie ihn aber nur der Sieg: „Wir können uns definitiv noch verbessern, die Zeit bis dahin ist noch lang. Wer die paralympischen Spiele jetzt gewinnt, gewinnt nicht zwangsläufig auch in London. Wir können uns noch massiv verbessern.“

Jama konzentriert sich heute nur noch auf den Sport, angetrieben vom Ehrgeiz, der Beste zu sein. Aber er wird nie vergessen, was er dem Basetball zu verdanken hat: „Basketball ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben