Sport : Schüsse auf Schalke

Der Biathlon-Wettbewerb im Stadion lockt viele Zuschauer an – aber nur wenige Topathleten

Ernst Podeswa

Schießen und laufen, auf weichem Kunstschnee und an Matschgruben vorbei in das Heiligtum aller Fans des Fußball-Klubs Schalke 04: Es war schon ein erstaunliches Bild, das sich da vor einem Jahr mitten in Gelsenkirchen bot. Biathlon mitten im Ruhrgebiet, mitten in der Großstadt. Die vorjährige World Team Challenge der Biathleten vor mehr als 50 000 Zuschauern in der Arena Auf Schalke fand Ole-Einar Björndalen „aufregend, hatte eine tolle Atmosphäre und war ein gutes Training“.

Ganz soll toll kann es dann aber nicht gewesen sein. Denn der Norweger Björndalen, der Superstar der Szene mit vier Goldmedaillen allein bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City, wird bei der Neuauflage heute (17.15, live im ZDF) wohl nicht dabei sein. Zwar kann wieder mit einer großen Zuschauerzahl gerechnet werden – 50 342 Tickets wurden verkauft –, und es wird ein üppiges Start- und Preisgeld geben, aber eben keine Punkte für die Weltcupwertung. Deshalb und wegen der fragwürdigen Bedingungen – kurze und schmale Laufrunde, matschiger Schnee – verzichten viele Topathleten.

Biathlon-Olympiasiegerin Uschi Disl nimmt das gelassen. „Es ist eher ein Wettbewerb für die Zuschauer, der Spaß steht im Vordergrund“, sagt sie. Das wird vermutlich auch so bleiben. Denn der Biathlon-Weltverband IBU steht dem Geschehen skeptisch gegenüber. Im Verbandsmagazin zum Saisonbeginn findet sich nicht der geringste Hinweis auf das Spektakel in der Fußballarena. „Das Ereignis ist für uns problematisch“, sagt Günther Zwatz, IBU-Vizepräsident und Schatzmeister. „Denn die Schalke GmbH hat alle Vermarktungsrechte im Stadion.“ Da werden denn beispielsweise Großplakate von 24 x 6 m platziert, was im Biathlon-Weltcup nicht gestattet ist. Oder Werbung für Werbepartner von Schalke 04 gemacht und auf die beim Biathlon üblichen Sponsoren verzichtet. Konstellationen, die einen Weltcup oder gar eine Weltmeisterschaft der Biathleten an diesem Standort undenkbar machen.

Ähnliche Gründe dürften auch der so genannten ORA-Trophy das Aus bescheren. Als Pendant zur Vierschanzentournee gefeiert, hatte die Dreier-Weltcup-Serie der Biathleten in Oberhof, Ruhpolding und Antholz (Südtirol) Anfang Januar dieses Jahres für Furore gesorgt: mit Rekordkulissen von Zuschauern, hohen TV-Quoten und bemerkenswerten Erträgen für die IBU. Dennoch wird die Trophy in diesem Jahr nicht in dieser Form stattfinden, denn Oberhof ist in dieser Saison nicht offizielle Weltcup-Station. Offizielle Begründung: Oberhof wird im Februar schon die Biathlon-WM ausrichten, und es wäre laut IBU-Statut nicht gestattet, einem Ausrichter zwei solche Highlights zu gewähren.

Die Weltcups in Ruhpolding und Antholz werden wie gewohnt durchgeführt. „Unser Weltcup-Hauptsponsor war mit dem Begriff Trophy nicht einverstanden“, erklärt Zwatz. Den wolle man nicht verärgern, denn auf dem angespannten Markt gäbe es weit und breit keinen Kandidaten, der einspringen würde. Derart konsequente Sponsorpflege ermöglicht, dass sich unter neun Weltcup-Gastgebern beispielsweise Osrlbie (Slowakei), Pokljuka (Slowenien) oder Fort Kent (USA) diese kostspieligen Ereignisse leisten können – weil die IBU sämtliche Preisgelder bei Weltcups und Weltmeisterschaften zahlt, den Organisatoren finanziell erheblich unter die Arme greift.

Vom Gesamtbudget der IBU von 6,4 Millionen Euro fließen 4,9 direkt in den Sport. Zwatz: „Das ist gut angelegtes Geld und hat den internationalen Aufschwung im Biathlonsport ermöglicht.“ Die Zentralvermarktung werde man „auch künftig strikt beachten“, sagt Zwatz. Und solche Entwicklungen wie bei der Vierschanzentournee verhindern, wo sich der Ski-Weltverband Fis noch heute grämt, dass er sich die Rechte von den Veranstaltern einst für einen Schnäppchenpreis hat abluchsen lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben