Sport : Schuld und Schicksal

Englands Fußballer hadern mit ihrem Verband

Raphael Honigstein[Lissabon]

Es hat ein paar Tage gedauert, aber jetzt haben die Radaubrüder der Boulevardzeitungen „Sun“ und „Mirror“ rechtzeitig vor dem heutigen Schicksalsspiel gegen die Schweiz die Schuldigen für die traumatische Niederlage gegen Frankreich identifiziert: die Videotechniker des englischen Fußballverbands (FA). Wer hätte das gedacht?

Auf dem für Torhüter David James zusammengestellten Band mit Standard-Situationen der Franzosen waren keine Freistöße von Zinedine Zidane zu sehen. Klar, dass dem unzureichend vorbereiteten James in der 90. Minute nichts übrig blieb, als den schön gezwirbelten Ball des Meisters in die Torwartecke rauschen zu lassen. „Eigentor“, schimpfte der „Mirror“. James, der sich öffentlich über die unzureichenden Videos beschwert hatte, gab immerhin auch sein falsches Stellungsspiel zu. Doch die FA ist pikiert. „Unsere Techniker haben Szenen aus den letzten sieben Spielen der Franzosen zusammengeschnitten“, sagte ein Sprecher mit Röte im Gesicht vor dem Trainingsgelände. „Leider gab es keine nennenswerte Freistöße in diesen Partien.“

Soviel Schluderei will sich der Verband nicht noch einmal vorwerfen lassen. Gestern wurde deshalb der Form halber versucht, beim europäischen Fußballverband Uefa die Nachnominierung von Jermain Defoe (Tottenham Hotspur) für den am Knie verletzten Nicky Butt von Manchester United durchzusetzen. Das Gesuch wurde erwartungsgemäß abgelehnt. Nominierungen nach Turnierbeginn sind nur in Ausnahmesituationen – etwa bei zwei verletzten Torhütern – erlaubt, der Ausfall von Reserve-Grätschern fällt nicht darunter.

Die Genesung von Paul Scholes für das Spiel gegen die Schweiz ist ebenfalls unsicher. Nach seiner Knöchelverletzung nahm er zwar das Training wieder auf, offen blieb aber bis zum Mittwochabend, ob er spielen wird – oder Owen Hargreaves. Nicht alle wären von einem Einsatz des Mittelfeldspielers vom FC Bayern begeistert. „Hargreaves ist der große Unbekannte im Kader“, schrieb der „Mirror“. Bayerns Verantwortliche würden den Einsatz gerne sehen. Nach der Verpflichtung von Torsten Frings würden sie über ein Angebot für Hargreaves, der nach England will, ernsthaft nachdenken. Über einen anderen spektakulären Wechsel hat die englische Presse aus Rücksicht auf das Wohl der Fußballnation noch nicht berichtet: Steven Gerrard (Liverpool) will zum FC Chelsea gehen und zum bestbezahlten Fußballer Englands werden.

Die Briten erwarten heute einen klaren Sieg gegen die biederen Schweizer. Der Rest sind Details. David Beckham darf sich der Frage widmen, ob er in einem Finale gegen Fabien Barthez noch einmal zum Strafstoß antreten würde. „Ich schieße den nächsten Elfer für England“, sagt der Kapitän, „und wenn ich den verschießen sollte, dann schieße ich trotzdem den nächsten. Und den übernächsten.“ Gut, dass wenigstens das geklärt ist.

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