Sport : Schuld und Sühne

Wegen eines Gerichtsstreits zwischen Alinghi und BMW Oracle steht der America’s Cup am Abgrund

Sina Steinmann

Berlin - Stünde nicht die Zukunft der bekanntesten Regatta der Welt auf dem Spiel, wären nicht hunderte Arbeitsplätze gefährdet, ginge es nicht um die Segelbegeisterung von Millionen Menschen in aller Welt – man müsste lachen. Laut lachen angesichts der gerichtlichen Farce, die den America’s Cup lähmt. Um zu verstehen, warum sich die beiden Cup-Giganten – Verteidiger Alinghi und Kläger BMW Oracle Racing – seit einem Dreivierteljahr so erbittert vor Gericht bekriegen, ist ein Rückblick in die jüngere Vergangenheit des Cups notwendig. 1995 triumphierte erstmals die aufstrebende Segelnation Neuseeland. Zwei Namen standen damals für die Sensation: Der später von Piraten im Amazonas ermordete legendäre Segler und Umweltaktivist Sir Peter Blake und Steuermann Russell Coutts. Nach ihrer Rückkehr wurden Coutts und seine Kameraden in Aucklands Straßen von mehr als einer Million Menschen gefeiert. Die anschließende Cup-Verteidigung gelang fünf Jahre später im Heimatrevier des Hauraki Golf fehlerlos. Coutts und sein Wegbegleiter und Taktiker Brad Butterworth standen auf dem Gipfel ihres Ruhms. Doch statt der avisierten Führungsrollen im Team New Zealand erhielten die beiden Nationalhelden nicht einmal Verträge für die folgende Cup-Auflage. Die Neuseeländer taten sich angesichts von Finanzproblemen schwer, ihr Team zu formieren. Bei Coutts und Butterworth verdrängte Frust alle Lust.

Da trafen zur Jahrtausendwende der enthusiastische Schweizer Pharma-Milliardär Ernesto Bertarelli, seine Ideen für ein neues Team namens Alinghi und das Begehren von Coutts und Butterworth nach einer neuen Super-Crew aufeinander. Eher zufällig, aber folgenschwer. Bertarelli engagierte beide, später auch den deutschen Segelstar Jochen Schümann. Mit Alinghi kamen, sahen und siegten sie 2003 im 31. America’s Cup, trotzten der Hasskampagne, die Coutts in der Heimat als „Überläufer“ entgegenschlug, mit einer fantastischen Siegesserie. Es war Coutts dritter Cup-Triumph in Folge. Die Freunde Bertarelli und Coutts schienen unschlagbar. Doch Coutts’ altes Dilemma brach erneut auf. Wieder hatte sich der längst als weltbester Segler geltende Neuseeländer mehr Macht und Einfluss auf die Zukunft versprochen, als Bertarelli ihm auf der Suche nach dem optimalen Cup-Format geben wollte und konnte. Wieder fühlte sich Coutts übervorteilt und – glaubt man Bertarelli – schraubte gleichzeitig seine Honorarvorstellungen in schwindelerregende Höhen. Die Trennung erfolgte 2004. Mit Folgen für Coutts, denn der blieb aufgrund eines durch Alinghi geschwind geänderten Regelwerks vom 32. America’s Cup ausgeschlossen. Das kam einem Berufsverbot gleich. Coutts musste zusehen, wie Alinghi zum zweiten Mal gewann.

Coutts verfolgte gleichzeitig den Untergang des US-Segelrennstalls BMW Oracle Racing aus der Ferne. Das mit Vorschusslorbeeren überhäufte Team von Larry Ellison scheiterte im Halbfinale kläglich. Zum zweiten Mal war der Traum eines der reichsten Männer der Erde vom Griff nach dem Cup geplatzt, obwohl dieser mit geschätzten 140 Millionen Euro mehr Geld als jemals ein anderes Team in der 157-jährigen Cup-Geschichte investiert hatte. Bertarelli hatte trotzdem die Bugspitze vorn. Was Ellison jetzt noch zur Leistungssteigerung für seinen dritten Anlauf tun konnte, tat er gleich nach der Schmach im Sommer 2007: Er holte Coutts an Bord – was für ein Coup!

Doch statt dem Cup und seinen Fans ein Jahrhundert-Duell zu schenken, in dem sich Bertarelli und Ellison, aber auch Butterworth und Coutts auf dem Wasser gegenüber hätten stehen können, entschieden sich Ellison und Coutts für den Rechtsweg, verklagten Alinghi aufgrund von angeblich zu einseitiger Gestaltung des Regelwerks. Ellison gefiel sich in der Rolle des Robin Hood der Segler, präsentierte sich als Beschützer der Cup-Welt vor den kommerzorientierten Schweizern. Ein Witz eigentlich, denn der America’s Cup lebte stets von der nur ihm eigenen und seit 1887 geltenden Regel, die dem Sieger der letzten Auflage das Recht zur Gestaltung der nächsten gewährt. Die Amerikaner selbst hatten dieses Recht 132 Jahre lang in Folge zu ihrem Vorteil genutzt.

Den Vollzug des gerichtlichen Powerplays mit dem Ziel, ein Privatduell gegen Alinghi nach eigenen Wünschen zu erzwingen, hatten Ellison und Coutts sich einfach vorgestellt. Denn Alinghi hatte im Siegesrausch tatsächlich Formfehler begangen, erschien als leichte Beute. Doch inzwischen haben sich die Eidgenossen berappelt und schlagen zurück. Seitdem gibt es wöchentlich neue Wendungen im Cup-Theater namens „Schuld und Sühne“. Seit dem 20. Juli lähmt das Ringen um die Gunst von Richter Cahn am Obersten New Yorker Gerichtshof die Cup-Welt. Eine schnelle Entscheidung ist nicht in Sicht. Geblieben ist ein trostloses Schlachtfeld, auf dem ein Herausforderer nach dem anderen die Segel streicht. Zuletzt Team Germany am vergangenen Montag. Die Opfer des sinnlosen Streits sind längst zu groß. Auf der Strecke geblieben sind Fairplay, Moral und all jene, für die der America’s Cup immer noch die spektakulärste Regatta der Welt ist.

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