Sport : Schulden auf den dritten Blick

Hertha BSC verbucht zum 30. Juni 2006 ein Rekordminus von 55,4 Millionen Euro – und leistet späte Aufklärungsarbeit

Michael Rosentritt,Stefan Tillmann

Berlin - Die wichtigste Zahl des Abends verschwieg Ingo Schiller den Mitgliedern. Erst gegen Mitternacht, als die Mitgliederversammlung von Hertha BSC im ICC in der Nacht zum Dienstag beendet war, sprach Herthas Geschäftsführer die Zahl mit einem Glas Bier in der Hand aus: 55,4 Millionen Euro. Dahinter verbirgt sich der Schuldenstand des Berliner Fußball-Bundesligisten zum 30. Juni 2006.

Dieser Wert stellt ein historisches Hoch dar in der über 100-jährigen Geschichte des Vereins. Das Geschäftsjahr vom 1. Juli 2005 bis zum 30. Juni 2006 hat Hertha mit einem Rekordverlust von 16,82 Millionen Euro abgeschlossen. Die tatsächliche Neuverschuldung beträgt 11,2 Millionen Euro. Die über 800 anwesenden Vereinsmitglieder blieben unaufgeklärt. Denn es wurde weder der Schuldenstand ausgesprochen noch Gründe dafür genannt. „Das ist nicht das, was wir wollen“, sagte anderntags Werner Gegenbauer. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Vereins räumte gestern vor der Presse ein, dass „es Schwierigkeiten in der Vermittlung der Zahlen“ gegeben habe. Zugleich sagte er, dies sei ohne Arglist und Vorsatz geschehen. An seiner Seite war auch Ingo Schiller, der für Finanzen zuständige Geschäftsführer der Hertha BSC Kommanditgesellschaft mbH auf Aktien (Hertha BSC KG aA). Schiller erklärte, er habe die Zahlen deswegen nicht so intensiv besprochen, weil sie den Mitgliedern vorgelegen hätten. Tatsächlich war eine Gewinn- und Verlustrechnung des Geschäftsjahres 2005/06 schriftlich ausgehändigt worden. Allerdings musste Gegenbauer einräumen, dass die wichtigen Kennzahlen des Berichtes „sicher nicht auf den ersten und zweiten Blick“ zu erkennen waren. Dass der exakte Schuldenstand von 55,4 Millionen Euro zum Bilanzstichtag 30. Juni 2006 nicht genannt wurde, „dafür gibt es keinen Grund“.

Vielmehr hatte Ingo Schiller am späten Montagabend darüber berichtet, dass zwei Zahlungen zu spät bei Hertha eingegangen seien und der Schuldenstand 14 Tage später, zum 18. Juli 2006, nur noch 48,6 Millionen Euro betragen hätte. Das ist für „den Bilanzstichtag 30. Juni völlig irrelevant“, sagte Gegenbauer gestern, der sehr um Klar- und Offenheit in dieser für Hertha heiklen Angelegenheit bemüht war. „Es war ungeschickt, diese Zahl nicht genannt zu haben“, sagte er und versprach Besserung für die nächste Mitgliederversammlung. Allerdings bleibe generell die Schwierigkeit bestehen, die relevanten Zahlen „so zu vermitteln, dass es alle verstehen“.

Der hohe Verlust im Geschäftsjahr 2005/06 und die Neuverschuldung seien unter anderem auf die Neuregelung der Finanzen im Frühjahr 2006 zurückzuführen. Allerdings hatte Hertha sich in den vergangenen Jahren durch sogenannte „Sale and lease back“-Geschäfte und „Signing Fees“ bereits vorab künftige Einnahmen ausbezahlen lassen. So bleiben jährliche Einnahmen nun aus, zugleich müssen Leasingraten bezahlt werden.

Im März 2006 hatte Hertha einen Finanzierungsplan für die Jahre bis 2010 vorgestellt. Ziel bleibt es, im operativen Geschäft in die Gewinnzone zurückzukehren und so bis Juni 2010 die Schulden um etwa 15 Millionen Euro zu senken. Der aktuelle Schuldenstand zum 31. Oktober 2006 „beläuft sich auf 45,2 Millionen Euro“, sagte Schiller am Montag. Das laufende Geschäftsjahr (bis 30. Juni 2007) werde Hertha mit „einer Null abschließen“, sagte er. Für die Geschäftsjahre 2007/08, 2008/09 und 2009/10 sind Gewinne im einstelligen Millionen-Euro-Bereich geplant. Dabei profitiert Hertha nicht unwesentlich vom neuen Fernsehvertrag für die Bundesliga, der Hertha bei einem angenommenen sechsten oder siebenten Tabellenplatz Nettomehreinnahmen von jährlich rund sechs Millionen Euro beschert. Bisher nahm Hertha aus dem Bereich TV rund 14 Millionen Euro jährlich ein, ab der laufenden Saison werden es knapp 20 Millionen Euro sein. Was nicht passieren darf, ist ein Abstieg in die Zweite Liga.

Im Zuge der Neugestaltung der Finanzen gelang es Hertha, kurzfristige Verbindlichkeiten (das betraf rund 80 Prozent der Gesamtschulden) in langfristige umzuwandeln. „Bis 2010 ist die wirtschaftliche Situation sicher“, sagte Gegenbauer gestern und meint damit vor allem die Liquidität. Darüber hinaus besitze die Suche nach einem strategischen Partner, der sich an der KG aA beteiligt, Priorität, sagte Gegenbauer. Nach 2001 und der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Schieflage für Hertha war eine Suche nach einem solchen Partners nicht mehr möglich gewesen. „Jetzt sind die Voraussetzungen wieder gegeben.“

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