Sport : Schuldig bekannt

Nach dem Ausscheiden geht es schon um die Nachfolge von Trainer Pekerman

Armin Lehmann

Berlin – Manchmal sind es die kleinen Momente und Bilder am Rande, die etwas ahnen lassen von dem, was noch kommen könnte. Jürgen Klinsmanns und José Pekermans Körpersprache während der Partie war so ein aufschlussreiches Bild. Ungewöhnlich aufgeregt und hektisch spurtete Argentiniens Trainer durch seine Coaching-Zone, ein paar Meter weiter links von ihm hockte Jürgen Klinsmann auf seinem Stück Rasen und schaute zumindest äußerlich völlig in sich ruhend auf das Spiel. Oft hatte Pekerman betont, dass er nie an seiner Elf gezweifelt habe und dass alle bis zum Schluss geglaubt haben, man werde gewinnen. Doch Pekermans wilde Gesten während des Spiels sendeten eine andere Botschaft aus, die man so übersetzen könnte: Die werden auch nervös.

Als dann alles vorbei war und die Argentinier beinahe noch eine Schlägerei angezettelt hätten, muss José Pekerman eine Erkenntnis mit solcher Wucht getroffen haben, dass er unter diesem Eindruck seinen Rücktritt bekannt gab. Es war die Erkenntnis, selbst versagt zu haben. Vielleicht vor bisher nicht gekannter Aufregung. Nicht die Mannschaft, er selbst hatte wohl den entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass die über weite Strecken souverän stehenden Argentinier doch noch die Kontrolle verloren – und am Ende das Spiel.

1:0 stand es für die Südamerikaner, als Pekerman beschloss, seinen gelehrigsten Schüler vom Platz zu nehmen und die Führung mit einem weiteren Defensivspieler zu verteidigen. Mit Kontrolle und Sachlichkeit war Argentinien zur besten Mannschaft dieses Turniers erwachsen. Zu viel Kontrollwahn aber mündet in Hasenfüßigkeit, und der vorhandene Mut und das Genie einer großen Mannschaft bleiben ungenutzt. Dass ausgerechnet jener Esteban Cambiasso, den Pekerman einwechselte, später den entscheidenden Elfmeter verschoss, war nur ein weiterer Hinweis des Schicksals. Pekerman nahm diesen Hinweis auf und bekannte sich schuldig. Mit Tränen in den Augen verkündete der 54-Jährige seinen Rücktritt.

In diesem Augenblick – draußen sangen die deutschen Fans noch immer und Argentiniens Spieler erzählten von ihrer „Leere“ (Sorin), ihrem „großen Schmerz“ (Tevez, Crespo) und ihrem festen Willen, „aufrecht nach Hause zu fahren“ (Cambiasso) – ging eine kurze Ära zu Ende. Pekermans Anspruch seit seinem Amtsantritt im September 2004 war es, nicht nur die Schmach des frühen Ausscheidens bei der letzten WM in Asien mit dem Titel zu tilgen. Er wollte zugleich eine Mannschaft mit einem neuen Charakter formen. Alle Eigenschaften, die die Argentinier oftmals hatten vermissen lassen bei großen Turnieren, sollte sein neues Team besitzen: Charakter, Teamgeist, Fairness. Um eine solche Mannschaft zu formen, brauchte Pekerman junge Spieler, die ihm blind vertrauten. Bis zum Spiel gegen die Deutschen hatte es den Anschein, als ob er es geschafft hätte. Nun aber steht die Pekerman-Schule zur Disposition. Und weil die Argentinier zu Extremen neigen, sind die merkwürdigsten Dinge denkbar.

Maradona als neuer Trainer beispielsweise. Er hatte sich schon vor der WM als möglicher Nachfolger ins Spiel gebracht und die Anforderung an Pekerman mit der Etikette „Volkes Stimme“ formuliert: „Entweder wir setzen ihm ein Denkmal, oder wir machen ihn einen Kopf kürzer.“ Und da ist auch noch der ehemalige Nationalspieler Gabriel Batistuta. Der 37-Jährige, einst ein höchst torgefährlicher Stürmer, tauchte nach dem WM-Aus im Trainingscamp der Argentinier auf und bot seine Hilfe an.

Vor solch wichtigen Personalentscheidungen muss sich Argentinien aber jetzt zunächst einmal erholen. „La Nacion“, eine der seriösen Tageszeitung des Landes, titelte: „Kaputte Herzen“ und berichtete von fassungslosen Menschen auf den Straßen, „die nur das Feiern eingeplant hatten“. „Pagina 12“ schrieb von „zerstörten Träumen“, und „Clarin“ meinte, die Argentinier „hatten Willen, Fähigkeit, Temperament und Überlegenheit im Überfluss. Der Gegner zeichnete sich eigentlich nur dadurch aus, vor heimischem Publikum zu spielen. Wenn überhaupt. Wie soll man da nicht klagen?“ Ein Kommentator urteilte in Anspielung auf Pekerman: „In Berlin blieb die Erkenntnis, dass Pekerman dieses Kapitel nicht korrekt abgeschlossen hat.“ In Berlin formulierte der junge Javier Mascherano das, was wohl die Mehrheit der Argentinier dachte: „Wir waren die bessere Mannschaft. Wir haben gezeigt, dass wir das beste Team der Welt sind. Aber der Fußball kennt keine Gerechtigkeit.“

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