Schulsport : Früh übt nicht mehr

Ein Turntest zeigt: Schulkinder treiben immer weniger Sport und haben dadurch Nachteile.

Mirko Berger
Turnen
Die Rolle vorwärts klappt nicht immer so glatt wie hier. -Foto: dpa

BerlinSieben Kinder zeigen, wie es geht. In Sportkleidung betreten sie einen Seminarraum am Schiffbauerdamm – und turnen. Ein Kind balanciert auf einer umgedrehten Langbank, ein anderes macht eine Rumpfbeuge. Problemlos kommt es dabei mit den Handflächen auf den Boden. Die Kinder strahlen über das ganze Gesicht, der Spaß am Turnen ist ihnen bei der Pressekonferenz zum Kinderturn-Tag anzusehen. Damit sind sie eine große Ausnahme.

Ein Großteil der Kinder in Deutschland treibt nicht mehr regelmäßig Sport. Die Fakten klingen alarmierend: Nur ein Drittel der über Vierjährigen kann zwei Schritte rückwärts balancieren, fast die Hälfte der 11- bis 17-Jährigen schafft keine Rumpfbeuge. Die klassische Rolle vorwärts und der Stand auf einem Bein bereiten vielen Kindern und Jugendlichen Schwierigkeiten. Dies sind die Ergebnisse des „Kinder- und Jugendsurveys“ (Kiggs), zu dem das Robert-Koch-Institut im Auftrag der Bundesregierung von 2003 bis 2006 rund 18 000 Kinder in Deutschland auf ihren Gesundheitszustand untersucht hatte. „Kinder sollten täglich mindestens 60 Minuten bei moderater bis starker Intensität aktiv sein, doch nur 30 Prozent der Kinder erfüllen diese Richtlinie“, sagt Klaus Bös vom Schulsportforschungszentrum der Universität Karlsruhe. „Bei den Jugendlichen über zwölf Jahren sind es nur noch rund zehn Prozent.“

Die beunruhigenden Ergebnisse des Koch-Instituts nahm der Deutsche Turner-Bund (DTB) gemeinsam mit einer Krankenkasse zum Anlass, die „Kampagne Kinderturnen“ zu starten. Im Rahmen der Kampagne wurde ein Test bundesweit mit 225 000 Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren durchgeführt. Der Kinderturn-Test umfasst sieben Übungen. Die dabei erhobenen Daten können künftig als Vergleichswerte verwendet werden, um Entwicklungen und Veränderungen der Leistungsfähigkeit bei Kindern besser untersuchen zu können.

„Motorische Verhaltensdimensionen prägen sich früh im Kindesalter aus“, sagt Bös. „Werden die Grundbewegungen wie Hüpfen, Rennen und Springen nicht früh gefördert, zeigen sich bereits im Jugendalter gesundheitliche Folgen.“ Übergewicht und Fettleibigkeit sind dabei nur die sichtbaren Ausprägungen. Dass aber auch Altersdiabetes zur Jugendkrankheit wird und 10 bis 20 Prozent der Grundschulkinder psychosozial auffällig sind, verbinden wohl nur die Wenigsten mit zu wenig Bewegung.

Der Präsident des DTB, Rainer Brechtken, warnt deshalb inständig davor, diese Entwicklung weiter zu ignorieren: „Es ist fünf nach zwölf. Kinder haben zu wenig Betreuung und zu wenig Bewegung.“ Vielen Eltern sei einfach nicht bewusst, dass Aktivität, Leistungsfähigkeit und Gesundheit untrennbar miteinander verknüpft sind. Sie zeigten sich besorgter, wenn eine Stunde Mathematik ausfällt, als wenn der Sport aus dem Stundenplan gestrichen wird. „Dabei gibt es heute eine rationale Grundlage für die These der Neurophysiologie, dass Kinder mehr und aufmerksamer lernen, wenn sie sich körperlich betätigen“, sagt Bös.

Eben dieses Argument sollte Eltern davon überzeugen, wie wichtig tägliche Bewegung für ihr Kind ist, hofft der Forscher. „Die Grundlagen dafür müssen in den Kindergärten und Schulen gelegt werden, zusätzlich sollten Eltern ihre Kinder möglichst im Sportverein anmelden.“ So wie die sieben Kinder vom Schiffbauerdamm.

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