Sport : Schumacher, die ewige Liebe

Sehr spät entdecken die italienischen Ferrari-Fans vor dem Rennen in Monza ihre Zuneigung zum deutschen Formel-1-Star

Christian Hönicke[Monza]

Die italienische Sprache eignet sich hervorragend für blumige Umschreibungen. Um Michael Schumacher zu charakterisieren, benötigen die meisten italienischen Ferrari-Fans aber nur genau vier Worte: „Schumacher è il migliore.“ Schumacher ist der Beste. Zehn Jahre lang hatten die Tifosi Zeit, sich eine liebevollere Umschreibung für Michael Schumacher auszudenken. Doch erst jetzt, wo alles darauf hindeutet, dass der Rekordweltmeister der Formel 1 nach dem Großen Preis von Italien am Sonntag seinen Rücktritt bekannt geben wird, erst jetzt entdecken die Tifosi ihre Zuneigung zu dem Piloten, der mehr Siege für ihr Team geholt hat als jeder andere. Offensichtlich eilig dahingekritzelte Botschaften wie „Danke Schumi“ in der Muttersprache des Adressaten finden plötzlich ihren Weg auf die Fanplakate der Haupttribüne, ein paar Meter wird gar die ewige Liebe beschworen: „Schumy + Ferrari = amore eterno.“

Es ist eine amore eterno, die wohl eher aus der Gewohnheit heraus denn aus dem Herzen entstanden ist. Zehn Jahre Ehealltag hat es gebraucht, bis sich der Deutsche und seine vielen Partner irgendwie miteinander arrangiert haben. Viele tragen Schumacher bis heute nach, dass er einfach zu wenig in die Beziehung investiert hat. „Schumacher ist der Beste, aber ich würde ihn mehr mögen, wenn er Italienisch sprechen würde“, sagt Maurizio aus Cueno. „Italienisch ist herzlicher als Englisch.“ Der pragmatische, englisch sprechende Schumacher ist den Italienern, die selbst im Ausland meist erwarten, dass man ihre Sprache spricht, immer ein wenig fremd geblieben.

So sind es Ferrari-Hemden, keine Schumacher-Shirts, die die Verkaufsstände anbieten und die die italienischen Fans an der Strecke in Monza tragen. Die seltenen reinen Schumacher-Devotionalien treten niemals auf, ohne von der 1 begleitet zu werden. Die 1 des Weltmeisters, auf die sie 21 Jahre lang haben warten müssen und die Schumacher ihnen insgesamt fünf Mal gegeben hat; die 1, für die sie ihm ewig dankbar sein werden, kurz: die 1, die ihn zum Besten machte.

Der Beste ist aber notwendigerweise nicht mehr der beste Fahrer. Unter den Ferraristi zucken die Schultern und schnellen die Augenbrauen nach oben, wenn sie zu ergründen versuchen, ob Schumacher noch schneller als jüngere Piloten wie Fernando Alonso oder Kimi Räikkönen ist. Fabio aus Brescia macht die 1 mit dem Schumi-Daumen, zeigt dann aber auf sein eigenes graues Haar und sagt nur: „Vecchio.“ „Er ist alt geworden“, sagt auch Maurizio aus Cueno und spielt mit zitternden Händen auf die Fehler in den letzten Rennen an, die Schumacher und Ferrari womöglich den sechsten gemeinsamen Titel gekostet haben. Diese Einschätzung teilen viele Ferraristi, den meisten allerdings geht es wie Alessandro aus Brescia. „Ich wäre traurig, wenn er aufhört“, sagt er. Molto triste.

Vielleicht ist es auch die Aussicht auf die Alternative, die bei manchem Ferrari-Fan plötzlich Liebe zu Schumacher hervorruft. Der Deutsche hat es ihnen mit seinem weitgehend von Emotionen befreiten Auftreten nie leicht gemacht, aber verglichen mit seinem potenziellen Nachfolger Räikkönen wirkt Schumacher wie ein Zirkusclown. Der Finne ist vermutlich der Mensch auf der Welt, der während einer Konversation die wenigste Anzahl an Muskeln beansprucht. Wie unheimlich den diskussionsfreudigen Italienern diese Mentalität ist, verkündet ein Plakat auf der Haupttribüne der Zielgeraden: „Kimi, rot steht dir nicht.“

„Räikkönen ist ein großartiger Rennfahrer“, sagt Alessandro aus Brescia, „aber ich werde ihn nie so mögen können wie Schumacher.“ Und warum nicht? „Weil Schumacher der Beste ist. Basta.“

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