Sport : Schumacher verschwinden lassen

Fernando Alonso ist Hobbyzauberer – und wohl bald Formel-1-Weltmeister

Karin Sturm[Budapest]

Fernando Alonso mag Zaubertricks. Dieses Hobby begleitet ihn schon seit seiner Kindheit, und noch heute verblüfft er auf diese Weise gern seine Freunde. „Kartentricks sind einfach“, erklärt der Spanier. „Sachen verschwinden zu lassen auch, wenn man die Zuschauer gut von dem ablenken kann, was wirklich passiert.“ Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung hat er ein ungewöhnliches Objekt für seinen nächsten Trick ausgewählt. „Ich will Michael Schumacher verschwinden lassen“, sagt Alonso und grinst schief.

Eigentlich hat Fernando Alonso dieses Kunststück schon fast vollbracht. Auch wenn Schumachers Silhouette manchmal, wie etwa beim gestrigen Qualifikationstraining (siehe Kasten), noch aufflackert, stellt der siebenmalige Formel-1- Weltmeister im diesjährigen Titelkampf für ihn keinen Gegner mehr dar. Alonso ist auf dem besten Weg, mit 24 Jahren der jüngste Weltmeister aller Zeiten zu werden. Sollte der Renault-Pilot beim Rennen in Ungarn (heute, 14 Uhr/live bei RTL und Premiere), wo er vor zwei Jahren seinen ersten Grand Prix überhaupt gewann, mindestens fünf Punkte mehr holen als sein Rivale Kimi Räikkönen, könnte er sich den Titel sogar schon beim nächsten Rennen in der Türkei sichern.

Ein bisschen hat Alonso sich auf diesen Erfolg inzwischen eingestellt. „Wenn ich den Titel doch noch verlieren würde, nachdem ich jetzt so lange vorne gelegen habe – ich glaube, das wäre nicht einfach zu verkraften“, gibt er zu. Ein überraschend tiefer Einblick in jemanden, der in der Vergangenheit wegen seiner bisweilen beunruhigenden Selbstkontrolle als „nordischer Südländer“ bezeichnet wurde.

Dieses Zitat belegt aber auch den Wandel, den der 24-Jährige momentan durchlebt. Eine gewisse Zurückhaltung schätzt Alonso zwar immer noch, doch von dem schüchternen Jungen, der in der Formel 3000 allen um die Ohren fuhr, mangels Englischkenntnissen aber kaum den Mund aufbekam, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Der junge Mann aus Oviedo hat gelernt, sich gut zu verkaufen und sein großes Selbstbewusstsein in die Öffentlichkeit zu transportieren. Geholfen hat ihm dabei sein omnipräsenter Teamchef Flavio Briatore, der einst auch Michael Schumacher zum Weltmeister machte.

Der neue, selbstbewusste Alonso gefällt nicht allen. Leute, die ihn von frühester Jugend an kennen, zum Beispiel Streckenposten, beschweren sich, Alonso sei arrogant geworden und würde niemanden mehr kennen. Vielleicht ist das eine natürliche Abwehrreaktion eines jungen Menschen, der überall als neuer König der Formel 1 vorgestellt wird – diese Erfahrung hat auch Alonsos mutmaßlicher Vorgänger Schumacher machen müssen. Abseits der Kameras gibt sich der Spanier nämlich durchaus charmant. In Hockenheim schwärmte eine der Reinemachefrauen: „Ich habe mich nicht getraut, ihn anzusprechen, aber er ist von sich aus stehen geblieben und hat gefragt, ob ich ein Foto mit ihm zusammen will.“

Dass Fernando Alonso ein verdienter Weltmeister wäre, bezweifelt indes niemand. Bis auf seinen Unfall in Montreal hat er eine perfekte Saison hinter sich, und sein Teamchef Briatore glaubt: „Fernando ist vielleicht jetzt schon besser, als es Schumacher bei seinem ersten Titel war.“ Renaults Technikchef Pat Symonds sieht bei dem Spanier im Vergleich nur ein kleines Manko: „Michael ist von sich aus der härtere Arbeiter, Fernando muss man manchmal ein bisschen antreiben.“

Dafür kann Alonso inzwischen auch auf der Strecke mindestens ebenso gut zaubern wie Schumacher. Beim Rennen in Imola hielt er den deutlich schnelleren Ferrari des Weltmeisters in den letzten zehn Runden gekonnt hinter sich, indem er an einigen Stellen gezielt langsam fuhr, um den Hintermann auf Abstand zu halten. Diesen Trick hat Alonso allerdings nicht selbst erfunden. Er hat ihn aus der Trickkiste, die ein anderer Pilot einst mit in die Formel 1 brachte – einer, der bald verschwunden sein könnte

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