Sport : Schumachers Beifahrer

Der Nürburgring ist erst durch Michael Schumacher wieder groß geworden – mit seinem Karriereende könnte auch die Strecke aus der Formel 1 verschwinden

Christian Hönicke[Nürburgring]

Eine herbstliche Stimmung schwebt an der Nürburg vorbei, weht über die Strecke und legt sich über das Fahrerlager. Der Große Preis von Europa findet am Sonntag statt, an einem der letzten Maitage, der Nürburgring mag den Sommer trotz strahlend blauen Himmels jedoch irgendwie nicht hereinlassen. Vielleicht liegt es daran, dass die jüngere Geschichte der Rennstrecke in der Eifel so untrennbar mit einem Mann verbunden ist, der sich in letzter Zeit häufig dem Vergleich mit der dritten Jahreszeit ausgesetzt sah. Erst durch die Begeisterung um Michael Schumacher kam Deutschland Mitte der Neunziger in den Genuss eines permanenten zweiten Grand Prix neben Hockenheim. Aufregende Sonntage hat es in der Zwischenzeit gegeben, zum Beispiel den im Jahre 1995, als Schumacher sich nach einer grandiosen Aufholjagd kurz vor dem Ziel noch am führenden Jean Alesi vorbeidrängelte. Etwa 60 Millionen Euro Umsatz spülte jeder dieser Sonntage in die Eifel-Region.

Nun biegt die Karriere des siebenmaligen Weltmeisters in die Zielgerade ein, womöglich mit dem Nürburgring als Beifahrer. Bis 2009 läuft der Vertrag des Rings mit der Formel 1, deren Chef Bernie Ecclestone hat allerdings bereits mehrmals laut darüber nachgedacht, dass zwei Rennen in einem Land in Zeiten der Erschließung neuer Märkte Luxus seien. Nur konstant hohe Besucherzahlen können den Verbleib des Nürburgrings in der Formel 1 garantieren – ohne Schumacher wird das schwierig. Die Boomzeiten, das wird nicht nur an den gesunkenen Quoten bei den RTL-Fernsehübertragungen ersichtlich, sind ohnehin vorbei.

Walter Kafitz, der Geschäftsführer des Nürburgrings, rechnet in diesem Jahr mit 290 000 Zuschauern über alle drei Renntage verteilt. Das wären zwar 20 Prozent mehr als der schwache Wert des Vorjahrs. Vom Rekord aus dem Jahr 2002 (350 000) wäre es aber weit entfernt. 30 000 dieser Zuschauer sind zudem Schüler mit Freikarten, außerdem gibt es erstmals Angebote zu Dumpingpreisen: Bei Tchibo etwa kann man ein Wochenende Nürburgring für knapp 200 Euro kaufen. Den Zuschauerschnitt kann Kafitz damit verbessern, die Bilanz der seit Jahren defizitären Rennstrecke hingegen nicht.

Wenn es tatsächlich Herbst sein sollte auf dem Nürburgring, dann ist es zumindest ein goldener. Knapp 30 Grad heiß war es am Freitag. Nicht einmal eine sportliche Wolke legt sich dieser Tage über die Strecke. Nach Jahren der Schumacher-Dominanz ist die Spannung in die Formel 1 zurückgekehrt. Das ereignisreiche Rennen in Monaco in der vergangenen Woche hat den Vorverkauf noch einmal angekurbelt, als besonders verkaufsfördernd erwies sich der Streit zwischen den Brüdern Schumacher nach einem Beinahe-Unfall in der letzten Runde. Ralf hatte seinem Bruder danach die Fähigkeit zugebilligt, in bestimmten Momenten sein Hirn ausschalten zu können, Michael wiederum hatte seinen Bruder darauf aufmerksam gemacht, dass die Formel 1 keine Kaffeefahrt sei. Auf dem Nürburgring folgte nun die Versöhnung, zumindest nach außen hin. „Ralf und ich hatten ein nettes Gespräch“, sagt Michael Schumacher, und Ralf ergänzt: „Das war eine gute Werbung für das Rennen, also ist es doch gut für uns alle, oder?“

Freuen darf sich der Motorsportfan in der Eifel jedenfalls auf ein komplettes Starterfeld. Nach zwei Rennen Sperre wegen Gewichtsschummelei darf BAR-Honda wieder starten, das zweitbeste Team des Vorjahres. Gut für die Fans ist auch die Änderung des Qualifikationsmodus. Auf dem Nürburgring wird es nur noch einen Durchgang geben (Sonnabend, 13 Uhr/live bei RTL und Premiere), das leidige zweite Qualifying am Sonntag wurde abgeschafft. Michael Schumacher freut sich angesichts seines trainingsschwachen Ferraris besonders darüber. „Vielleicht läuft es auch in der neuen Qualifikation schlecht für uns“, sagt der Weltmeister, „aber dann läuft es wenigstens nur noch einmal schlecht und nicht zweimal“.

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