Sport : Schwache Geburtenrate

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Von Martin Hägele

Niigata. Vorweg und zur Ehre der Kroaten: Dem kleinen chinesischen Schiedsrichter hat nach der 0:1-Niederlage gegen Mexiko keiner die Schuld in die Schuhe geschoben, weil er so hart gerichtet hatte nach Zivkovics Rettungsversuch gegen Blanco und sie dem Elfmetertor der Mexikaner auch noch ohne den Verteidiger aus Leverkusen nachrennen mussten. Mister Jun Lu hätte es auch bei einer Gelben Karte belassen können. Der Strafstoß war ja Buße genug, dass sie sich überhaupt in eine solch dumme Lage gebracht hatten. „Wir haben es nicht anders verdient“, meinte auch Kroatiens Nationalspieler Robert Kovac vom FC Bayern München. „Wenn man sich so dumm anstellt, ist die WM gleich vorbei.“ Ohne diese Szene, die den Spielverlauf auf den Kopf stellte, hätten die Mexikaner bis tief in die Nacht kicken können, ein normales Tor aus dem Spielverlauf heraus hätten sie niemals erzielt.

Es müsste indes viel passieren, damit Kroatien, WM-Dritter von Frankreich, noch einmal so in Fahrt kommt wie vor vier Jahren. Damals lief die Elf aus dem jungen Land im Stil einer Europaauswahl auf. Dieses exzellente Niveau konnten sie zuletzt nicht mehr halten, was nicht unbedingt damit zusammenhängt, dass in der Startformation sechs Vertreter der Bundesliga aufliefen. Zu klären bleibt jetzt, warum die Helden der Nation so abgefallen sind, dass sie nicht einmal ein so bescheidenes Team wie Mexiko in die Schranken weisen können. Liegt es nur daran, dass die Stars der goldenen Generation in die Jahre gekommen sind? Und eine Offensivabteilung mit den Routiniers Alen Boksic (32), WM-Torschützenkönig Davor Suker (34) und Regisseur Robert Prosinecki (33) vielleicht noch in irgendwelchen Prominentenspielchen auftrumpfen kann, aber nicht mehr unter den ernsten Bedingungen eines interkontinentalen Wettbewerbs? Dagegen spricht, dass Teamsenior Zvonimir Soldo (VfB Stuttgart) mit seinen 34 Jahren und sieben Monaten noch der Auffälligste war.

So werden sie nun untereinander Gericht halten, warum und bei wem von ihnen es „an Laufbereitschaft und Willen gefehlt hat“, wie Robert Kovac sagte. n wollte Robert Kovac genauso wenig nennen wie sein Bruder Nico. Man weiß auch so schon, wem die Kritik gilt: dem strahlenden Dreieck an Kroatiens Fußballhimmel. Gerade diejenigen, die sich früher mit Herzblut jener Mission verschrieben hatten, die Kroatien über sportliche Erfolge auf die Weltkarte malen sollte. Was den Suker, Boksic, Prosinecki und Co. ja auf imponierende Art gelungen ist.

War der Zusammenhalt und vor allem der Einsatz damals größer, als sie sich noch als Soldaten im Trainingsanzug betrachtet hatten? Und wie viel Leidenschaft bedeutete es für die Spieler, dass auf der Bank als Cheftrainer „Miro“ Blazevic saß, der sich selbst aufführte wie ein Feldherr und in der Kabine davon predigte, dass „Fußball wie Krieg ist". Einen Teil dieses Wortschatzes hat auch dessen Nachfolger Mirko Jozic übernommen. Sein Schlusssatz in der Pressekonferenz lautete: „Wir haben zwar eine Schlacht verloren, aber noch nicht den Krieg.“

Blazevic lässt derweil keine Möglichkeit aus, sein eigenes Denkmal zu pflegen. Weshalb er, kurz nachdem er als Nationaltrainer des Iran wegen der verpassten WM-Qualifikation geschasst worden war, ins Lager der Kolumnisten wechselte. Für die Zagreber Zeitung „Jutarnji List“ stichelt er nun gegen den Mann, der an seinem früheren Arbeitsplatz sitzt - mit Vorwürfen wie, Jozic habe die Nation in ihrer Liebe für attraktiven Fußball betrogen. Wahrscheinlich aber liegt Kroatiens Schwächeln einfach daran, dass nach den goldenen Jahrgängen zwischen 1967 und 1972 nicht genügend Talente zwischen Split und Zagreb geboren wurden.

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