Sport : Schwäbische Sozialromantik

Weil Stuttgart klamm ist, werden keine Prämien gezahlt – und das Team gewinnt trotzdem

Erik Eggers

Leverkusen. Sie taucht bei jedem neuerlichen Punktgewinn auf – die Frage, ob der VfB Stuttgart mit seiner momentanen Erfolgsserie nicht alle Regeln der freien Marktwirtschaft außer Kraft setzt. Gerade hatte die Mannschaft mit dem 1:0-Auswärtserfolg bei Bayer Leverkusen den vierten Saisonerfolg eingefahren, keine 48 Stunden nach dem Unentschieden im Uefa-Cup-Hinspiel bei Ferencvaros Budapest.

Sie hatte erneut eine tadellose Leistung hingelegt, sie hatte gekämpft und gerackert, und nun sind nur es noch vier Punkte bis zum Krösus und Meister Dortmund. Und all das, obwohl jeder wirtschaftliche Anreiz fehlt, denn weder für Unentschieden noch für Siege erhalten die Spieler derzeit irgendeine kurzfristig spürbare Belohnung. Keinen zusätzlichen Cent. Natürlich, „die Mannschaft hat“, findet Felix Magath, und fast hatte es dabei den Anschein, als würden ihm die Spieler ein bisschen Leid tun, „längst eine Prämie verdient“. Der Trainer mit dem bösen Image hofft, „dass der Verein bald wieder in der Lage ist, Prämien zu zahlen“.

Mit diesem Wunsch konfrontiert, reagiert Stuttgarts Manager Rolf Rüssmann ein wenig gereizt. „Was soll ich machen“, fragt er in die kleine Runde, „ich würde ja auch gern Prämien zahlen, aber ich kann es schlicht nicht.“ Die Gründe dafür sind bekannt: Eine Schuldenlast von 17 Millionen Euro drückt den Verein, nach Jahren der Misswirtschaft unter der Ägide Mayer-Vorfelders und wegen fehlender Fernseh-Einnahmen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass der VfB Stuttgart seit vorigen Dienstag in Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden hat. Der 63-jährige Unternehmer warnte vor überzogenen Erwartungen. „Ich komme nicht mit dem großen Geldkoffer“, sagte Hundt. Jedenfalls sagte Rüssmann am Sonnabend einen Satz, den man wahrlich selten vernimmt im durchkommerzialisierten Fußballgeschäft, einen Satz, der fast denkwürdig ist. „Die Mannschaft“, sagt der Herr der Zahlen in Stuttgart, „hat begriffen, dass sie dem Verein helfen muss.“

Helfen also. Das allgemein gültige Bild des Fußballprofis als profitorientierter Angestellter, einer, der nur auf Mammon und Moneten schielt, war lange Zeit in Stein gemeißelt. Muss dieses Bild, da die geplatzte Luftblase der New Economy nun auch den Fußball betrifft, nun plötzlich revidiert werden? Findet gerade eine seltsame Metamorphose statt, wandelt sich der fiese und in Verhandlungen unnachsichtige Fußballprofi zu einem barmherzigen Samariter? Aber, lieber Herr Rüssmann: Ist das nicht Sozialromantik? Herr Rüssmann findet diese Nachfrage fast unverschämt. Er klärt auf über die momentane Lage in der Industrie, darüber, dass Arbeitnehmer heute Zugeständnisse zu machen haben, wollen sie ihren Arbeitsplatz behalten. „Das ist keine Sozialromantik“, stellt er fest, „das ist knallharte Wirklichkeit.“ Und: „Das gehört heute auch für jeden Fußballprofi dazu.“

Auch für die bei Bayern München und Borussia Dortmund? „Wir Spieler“, sagt Jochen Seitz, „haben uns mit der Situation abgefunden, eigentlich ist dieses Thema abgehakt.“ Eigentlich? „Na ja“, sagt er etwas verlegen, „wenn wir in die 4. Runde des UEFA-Cups kommen, dann wird der Verein auch Prämien zahlen müssen“.

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