Sport : Schwäche macht stark

Warum Michael Ruhe bei der Ruder-WM auf dem wichtigsten Platz im Achter sitzen wird

Frank Bachner

Michael Ruhe ist zwei Meter groß, hat breite Schultern, beeindruckende Oberarme und kaum ein Gramm Fett am Leib. Am Ergometer zieht er 444 Watt, mit diesem Wert würde er viele andere Topsportler demütigen. Aber in seiner Sportart ist Michael Ruhe doch ein ziemlicher Schwächling. „Er ist körperlich nicht besonders stark“, sagt Dieter Grahn mit Bedauern. Schließlich ist Ruhe als Schlagmann des Deutschland-Achters sein wichtigster Mann. Und Grahn, der Bundestrainer, setzt an Schlüsselpositionen eigentlich ungern Leute, die nur so aussehen, als könnten sie höchstens junge Birken ausreißen. Wer beim Rudern als echter Kerl gelten will, muss noch stärkere Arme und höhere Kraftwerte haben. „Eigentlich ist Ruhe zu schwach für einen Schlagmann“, sagt Grahn. Aber Ruhe hat dieses unwahrscheinliche Rhythmusgefühl. Er spürt, wenn die Leute hinter ihm ganz leicht aus dem Takt kommen. Er muss dann dafür sorgen, dass der Takt wieder stimmt. Und keiner kann das im Moment besser als Ruhe.

Am Sonntag beginnen die Weltmeisterschaften in Mailand. Und auf Ruhe, dem 22-Jährigen mit dem Gesicht eines schüchternen Schülers beim Tanzunterricht, liegt die Verantwortung für Deutschland. Jedenfalls aus Sicht vieler Fans. Zu pathetisch? Sicher, aber Pathos spielt immer mit bei diesem Großboot. Das Flaggschiff der Nation, ein Mythos, ein Symbol für schwarz- rot-goldene Sport-Herrlichkeit. Kein Boot wird so verklärt wie der so genannte Deutschland-Achter. Siebenmal Weltmeister, dreimal Olympiasieger, zwischen 1988 und 1992 nur zweimal besiegt: Der Sieg galt jahrelang als Naturgesetz.

Aber genau genommen ist die Sache mit dem Mythos schon länger Quatsch. Denn der Deutschland-Achter ruderte sich tief in die Krise, 2000 war das, als er nicht mal die Olympia-Qualifikation erreichte. Das ganze Team war zerstritten. Die Ruderer untereinander und mit Bundestrainer Ralf Holtmeyer, der wild die Besatzungen durcheinander wirbelte, sowieso. Nach Sydney 2000 übernahm Grahn das Boot. Er holte sechs Athleten, die im Junioren-Achter saßen, in den Männer-Achter, machte Ruhe zum Schlagmann und sagt jetzt zufrieden, dass seine Jungs einen echten Teamgeist hätten. Der Deutschland-Achter wurde 2001 WM-Dritter, 2002 WM-Zweiter und gewann im vergangenen Jahr den Gesamtweltcup. Aber das reicht nicht. Der Achter muss wieder Weltmeister, vor allem aber Olympiasieger werden. Das wissen sie alle in der Szene. Denn letztlich lebt die ganze Sportart von diesem Achter. Da können sie im Zweier und im Vierer alles in Grund und Boden fahren, für Sponsoren und Medien zählt insbesondere der Achter. Dann erst kommt der Einer, denn das Skullboot verkörpert nicht diese Kraft und Dynamik wie der Achter.

Aber Grahn hat ein Problem. Das Problem sind diese acht bärenstarken Typen aus Kanada. Die haben dem Deutschland-Achter vor kurzem in Luzern die erste Saison-Niederlage beigebracht, die Kanadier haben 2002 auch den WM-Titel vor Deutschland gewonnen. Im vergangenen Jahr hatte Grahn das noch eingeplant, als Preis für seinen Neuaufbau. In Mailand will er eigentlich auf Augenhöhe rudern. Doch das wird schwer. Und was ihn am meisten irritiert: Diese Kanadier rudern technisch „wie zur Jahrhundertwende“. Viel zu hektisch, wenn sie am Ruder ziehen. Grahn hätte „nie gedacht, dass man damit so schnell sein kann“.

Aber es ist so. Und deshalb hat er seine Jungs dreieinhalb Wochen lang im Höhentrainingslager in Kärnten angetrieben. Da belegten sie ein einsames Hotel, funktionierten Zimmer zu Krafträumen um und ließen Hanteln unzählige Male auf den Boden krachen, dass die Wände wackelten. Grahn sagt, dass sein Boot den Abstand zu den Kanadiern verringern kann. Und dass seine Leute sich jetzt noch mehr reingekniet hätten.

Sie profitierten in ihrem Hotel dabei aber auch von der bemerkenswerten Toleranz zumindest eines Hotelgastes. Der tauchte einmal während des Krafttrainings am Morgen schlaftrunken auf, um das Epizentrum des täglichen Erdbebens zu erkunden. Als er die Ruderer mit ihren Hanteln sah, sagte er, die Deutschen sollten ruhig weitermachen. Ihn störe der Lärm nicht. Ja, weshalb denn nicht, fragten sich die erstaunten Ruderer. „Weil ich mal Vertreter von Presslufthämmern war.“

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