Sport : Schweben, straucheln, jubeln

Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy laufen zu ihrem vierten Weltmeister-Titel.

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Dem Himmel so nah... Robin Szolkowy und Aljona Sawtschenko liefen in Nizza zwar nicht fehlerfrei, zu Platz eins reichte es trotzdem. Foto: dpa
Dem Himmel so nah... Robin Szolkowy und Aljona Sawtschenko liefen in Nizza zwar nicht fehlerfrei, zu Platz eins reichte es...Foto: dpa

Am Ende eines nervenaufreibenden Abends waren sie nur noch erleichtert. Trainer Ingo Steuer lächelte sich durch die Interviews, Aljona Sawtschenko strahlte auch jenseits ihrer großen Bühne, und Robin Szolkowy war froh, dass der für einen Moment drohende schwarze Freitag schließlich doch zu einem Festtag für die nun viermaligen Weltmeister aus Chemnitz geworden war. Im Palais des Expositions zu Nizza wurde ein Paarlaufdrama aufgeführt, das die deutschen Titelverteidiger mit dem knappsten Vorsprung seit Einführung des Punktesystems im Eiskunstlauf vor ihren russischen Herausforderern, den Europameistern Wolososchar/Trankow gewannen. 0,11 Punkte lagen zwischen den beiden besten Paaren der Welt, deren beharrlicher Zweikampf um Gold bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi seinen Gipfel erreichen wird.

Fürs erste haben Sawtschenko/Szolkowy bei der WM von Nizza ihre Vormachtstellung für ein weiteres Jahr behauptet. Doch den Weltmeistertrainer Ingo Steuer plagte die Ahnung, dass der Trend kippen könnte. Er hat nicht erst in Nizza eine Preisrichtersympathie für die Herausforderer der Deutschen ausgemacht, die mit ihrem vierten Titelgewinn nach 2008, 2009 und 2011 auf den Olymp ihrer Sportart gestiegen sind. Die Bühne ist jedenfalls bereitet für ein ganz besonderes Duell, das nicht nur die beiden global besten Paare bis zum Gipfeltreffen von Sotschi in Atem halten wird. „Dem Eiskunstlauf konnte nichts besseres passieren“, sagt Steuer.

Mit mehr als acht Punkten Vorsprung vor den nach einem völlig missratenen Kurzprogramm auf Rang acht abgestürzten Moskauern waren die Kurzkürsieger Sawtschenko/Szolkowy in die Kür gestartet, und auch die fehlerfreie Leistung von Wolososchar/Trankow, die nach der Musik aus dem Ballettfilmdrama „Black Swan“ liefen, musste die Deutschen nicht weiter beunruhigen. Sie betörten ihr Publikum bis kurz vor Schluss ihrer viereinhalbminütigen Kür mit einer tänzerischen Kreativität und sportlichen Überzeugungskraft, die keine Zweifel am abermaligen Triumph weckte. Zur Musik aus Wim Wenders’ filmischer Hommage an die verstorbene Wuppertaler Tanztheaterprinzipalin Pina Bausch schwebten die 28 Jahre alte Primaballerina ukrainischer Herkunft und ihr 32 Jahre alter Partner scheinbar schwerelos über das Eis – bis der Bruch kam. Robin Szolkowy spürte, dass die Kräfte nachließen, sprang einen Axel nur einfach statt doppelt und vergaß, dass er die Paarlaufpirouette auf dem rechten Bein und nicht mit links beginnen musste. So kam dem Stoiker aus dem sächsischen Kufenkombinat die Ahnung, dass es noch einmal sehr eng werden könne.

Sawtschenko/Szolkowy kamen trotz der Punktabzüge mit dem Schrecken davon, liefen zwar nur die zweitbeste Kür hinter den Russen und wollen ihre Lehren aus ihrem Spannungsabfall von Nizza ziehen. Er ging nicht von Aljona Sawtschenko aus, die laut Steuer „für uns alle den Titel geholt und Robin durch die Kür geholfen hat“; er rührte aus Szolkowys Pirouetten-Blackout, den aber nicht einmal Kunstlauf-Insider auf Anhieb wahrgenommen hatten. Der Paarläufer selbst schon. Der Moment, da er mit dem falschen Fuß ins Kreiseln gekommen sei, habe sich angefühlt, „als ob man mit Vollgas in eine Einbahnstraße rauscht“. Spätestens jetzt sei ihm bewusst, dass eine Kür „nie vorbei ist, selbst wenn man denkt, sie wäre eigentlich vorbei. Heute hatten wir noch einmal Glück.“

Andererseits hatten sich die oft genug mit eisernen Nerven ausgerüsteten Chemnitzer den Sieg über das Paar, das schon fast genauso gut ist, auch verdient. Schließlich war für Wolososchar/Trankow das Kurzprogramm zum Albtraum geworden. Die Blondine und ihr dunkelhaariger, hünenhafter Partner aber fanden zwei Tage darauf zurück in die Spur und bescherten den 7000 Zuschauern im Palais des Expositions einen Wettkampf von erlesener Schönheit und immenser Intensität. Von acht auf eins, das wäre das Eismärchen des Jahres geworden. Es wurde nicht aufgeführt, weil die viermaligen Paarlaufweltmeister, die in Deutschland mit Maxi Herber und Ernst Baier (1936 bis 1939) gleichzogen, wackelten, aber nicht umfielen.

Dass sie am Ende wieder einmal ganz oben auf dem Podest standen und den Abend bei einem Champagnerempfang der Deutschen Eislauf-Union freudig ausklingen ließen, hatte weniger mit ihrer magischen Kunst zu tun, konkrete Phantasiegemälde aufs Eis zu zeichnen, sondern vielmehr mit einem einzigen Satz , der sie über die Konkurrenz erhob: dem Dreifach-Wurfaxel. „Ohne ihn wären wir hier nicht Weltmeister geworden“, stellte Ingo Steuer, der Paarlaufweltmeister von 1997, nüchtern fest. Sawtschenko/Szolkowy hatten den Königssprung, den weltweit allein sie beherrschen, erstmals im Wettbewerb demonstriert. Steuer hat noch weitere Höchstschwierigkeiten im Sinn, wenn er an Sotschi denkt. So spielt er mit dem Gedanken, Sawtschenko/Szolkowy den vierfachen Wurfflip beizubringen – auch das eine Übung, die sonst niemand im Repertoire hat.

Das alles sei notwendig, um einen Punktepuffer zu Wolososchar/Trankow aufzubauen, den bei den weichen Faktoren der Punktwertung, den Komponenten, vermeintlich begünstigten Rivalen aus Russland. Die schlichen bei der Rückkehr ins Teamhotel mit neidischen Blicken an der deutschen Feiergesellschaft vorbei. Während Sawtschenko/Szolkowy mit Champagner anstießen, bestiegen Wolososchar und Tarnkow ein Taxi und rauschten irgendwohin – in die Nacht von Nizza.

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