Schweden gegen Deutschland : Löw hat noch eine Rechnung offen

Beim Länderspiel in Stockholm spielt auch die Erinnerung an das 4:4 vor einem Jahr mit. Das Debakel in der zweiten Halbzeit hat Zweifel an den Qualitäten des Bundestrainers aufkommen lassen, die bis heute nachwirken.

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Was ist denn hier passiert? Konsternierte Deutsche Nationalspieler unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Die DFB-Elf hat soeben eine 4:0-Führung verspielt und nur einen Punkt gegen Schweden geholt.Weitere Bilder anzeigen
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16.10.2012 23:09Was ist denn hier passiert? Konsternierte Deutsche Nationalspieler unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Die DFB-Elf hat soeben eine...

Zlatan Ibrahimovic hat am Wochenende eine Entscheidung getroffen, die man ohne Übertreibung als strategisch und weitsichtig bezeichnen kann. Der Stürmer der schwedischen Fußball- Nationalmannschaft hat im WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich seine zweite Gelbe Karte gesehen. Man könnte auch sagen: Er hat sie sich abgeholt. Ibrahimovic ist nun für das nächste Qualifikationsspiel gesperrt, steht aber in den anstehende Play-offs auf jeden Fall wieder zur Verfügung. Ibrahimovic hat damit klare Prioritäten gesetzt – und ganz nebenbei dokumentiert, für wie wichtig er das heutige Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft (20.45 Uhr/live im ZDF) hält. Für eher nachrangig nämlich.

Beim Gegner ist das vermutlich anders – obwohl es für die Deutschen um gar nichts mehr geht. Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Brasilien ist seit dem Wochenende geschafft. Zwar verweisen die Spieler pflichtbewusst darauf, dass sie die Qualifikation mit einem weiteren Sieg abzuschließen gedenken, doch künstlich gesetzte Ziele haben sich in der Vergangenheit eher selten als leistungsfördernd erwiesen. Heute Abend in Stockholm könnte das anders sein. „Jeder weiß, dass wir mit den Schweden noch eine Rechnung offen haben“, sagt Joachim Löw. „Ich erwarte eine hochmotivierte Mannschaft.“ Für Löw ist es das 99. Länderspiel als Bundestrainer. Seine Bilanz weist 67 Siege, 16 Unentschieden und 15 Niederlagen aus. Offiziell wird das 4:4 gegen Schweden aus dem Hinspiel vor einem Jahr in Berlin als Unentschieden gewertet. In Wirklichkeit war es die höchste 4:4-Niederlage der Fußballgeschichte. „Das hat uns wehgetan“, sagt der Bundestrainer.

Dieses 4:4 war eines der skurrilsten Fußballspiele der jüngeren Vergangenheit. „Fußball ist ein lustiger Sport“, sagte Schwedens Trainer Erik Hamrén nach dem Abpfiff. Lachen konnten darüber aber nur die Schweden. Die Deutschen hingegen verließen das Berliner Olympiastadion in einem Zustand tiefer Verstörung: Was, bitte schön, war das denn gewesen? In der 62. Minute führten sie noch 4:0. Löws Mannschaft hatte bis dahin ein Spiel von ungeahnter Schönheit auf den Rasen gezaubert, so dass wenige Tage nach dem 6:1 in Irland alles auf einen weiteren Kantersieg für die Deutschen hindeutete. Dass die Begegnung nicht mit einem deutschen Sieg enden würde, war schlichtweg unvorstellbar.

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Dann aber kam alles anders: 1:4, 2:4, 3:4 – die Deutschen fügten sich in ihr Schicksal, und dass der Ausgleich erst in letzter Minute fiel, war fast so etwas wie das logische Ende dieses historischen Spiels. Es war das einzige Mal in ihrer Geschichte, dass die deutsche Nationalmannschaft einen Vier-Tore-Vorsprung noch verspielte.

Vielleicht hätten die Deutschen trotzdem mitschmunzeln können, wenn das Spiel nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen wäre. Das Aus im EM- Halbfinale gegen Italien wenige Monate zuvor wirkte noch nach. So fügte sich eins zum anderen – und wurde in der Summe gegen den Bundestrainer verwendet. Gegen Italien hatte Löw die Niederlage durch seltsame Entscheidungen zumindest begünstigt, gegen Schweden, so die allgemeine Meinung, leistete er dem Debakel durch Untätigkeit Vorschub. Anstatt den schwindenden Vorsprung über die Zeit zu retten und ein paar kantige Verteidiger zur Stärkung der Abwehr aufs Feld zu schicken, wechselte Löw kurz vor Schluss die beiden Defensivlegastheniker Lukas Podolski und Mario Götze ein.

Es ist kein Zufall, dass sich die Spieler vor dem Rückspiel weit weniger kriegerisch geäußert haben als der Bundestrainer. Löw hat zwar am Montag in Stockholm bestritten, dass er und seine Mannschaft mit Revanchegelüsten ins Spiel gingen. Er hat allerdings zugegeben, dass ihn das Erlebnis aus dem vergangenen Oktober bis heute ein bisschen wurme. „Wir gehen mit einer kleinen Portion Wut im Bauch nach Schweden, das ist auch gut so“, hatte der Bundestrainer vor dem Abflug nach Stockholm gesagt.

Das 4:4 ist schließlich vor allem ihm angelastet worden. In diesem Spiel konnten alle Kritiker ihre Vorurteile gegen den Bundestrainer bestätigt sehen: dass Löw eher ein Mann für schönes Wetter ist, dass er es mit seinem Primat des Ästhetischen übertreibe, das Thema Defensive für eher nachrangig halte und unfähig sei, von der Seitenlinie Einfluss auf seine Mannschaft zu nehmen. Weswegen mit ihm, in letzter Konsequenz, wohl auch keine Titel zu gewinnen seien.

Als Löw am Montag auf das 4:4 und die Defensivschwächen seiner Mannschaft angesprochen wurde, antwortete er: „Es war klar, dass das vor dem Spiel wieder hochkommt.“ Dabei habe die Mannschaft das 4:4 längst abgearbeitet und aus ihm gelernt. Mag sein, dass das für die Mannschaft gilt. Joachim Löw aber wird seine Lernfortschritte wahrscheinlich erst bei der WM in Brasilien vorführen können.

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