• Schweden - Türkei: Wie Matrosen gegen Busfahrer - die beiden Mannschaften zeigten das schlechteste EM-Spiel aller Zeiten

Sport : Schweden - Türkei: Wie Matrosen gegen Busfahrer - die beiden Mannschaften zeigten das schlechteste EM-Spiel aller Zeiten

Martin Hägele

Es gibt einen sehr blöden Macho-Spruch, wonach man sich auch mal eine Frau schöntrinken muss. Das geht schlecht bei einem Fußballspiel, was bleibt, ist höchstens die niederländische Variante. Der garstige Fußball-Film Türkei gegen Schweden lief noch keine halbe Stunde, da kokelte es süßlich über die Presse-Tribüne. Der Kollege beschloss, sich diesen Fußballabend schön zu rauchen. In Holland geht das leicht, nur fünfzig Meter gegenüber vom Presseeingang des Eindhovener-Stadions steht das Cafe "Kif-Kif".

Zu diesem Zeitpunkt lagen die Höhepunkte des Events schon hinter den Zuschauern. Drei holländische Fallschirmspringer hatten bewiesen, dass es einfacher ist, aus zwei Kilometer Höhe den Anstoßpunkt der Philips-Arena mit den Füßen zu treffen, als einen Ball unfallfrei über zehn Meter zum Nebenmann zu kicken. Etwas Gutes hatte die erste Nullnummer der Europameisterschaft freilich. Sie war Trost für zehn Millionen Menschen. Belgien braucht keine Angst mehr zu haben, im zweiten Teil der Großveranstaltung als Gastgeber ohne Mannschaft dazustehen. Mit diesen Türken werden Marc Wimots und Co. schon noch fertig.

Es war die niveauloseste Partie, seit dieser Wettbewerb im Jahr 1960 eingeführt wurde. Trotz allen Elends verlangte auch Spiel Nr. 170 nach seinem Protokoll. "The player of the match" musste in jedem Fall gekürt werden. Es ist der Jury um den ehemaligen tschechischen Nationalcoach Doktor Josef Venglos nicht leichtgefallen, unter lauter Blinden einen zu finden, der vielleicht noch auf dem Achtel eines Auges geguckt hat. Fredrick Ljungberg traf die Wahl. Sicher - Ljungbergs Solo in der 43. Minute hätte manches retten können. Aber Schiedsrichter Dick Jol hatte nicht gesehen, dass Libero Ögün dem Schweden das Schußbein weggezogen hatte, nicht rabiat, aber äußerst effektiv. Ein Elfmeter. Aber auch der Mann mit der Pfeife gönnte sich einen liberalen Abend. Und was ist der Dank für so viel Milde? Schimpfe vom Begünstigten.

Noch hat die Uefa in ihre Statistiken die "unforced errors" nicht aufgenommen, die Fehler ohne Fremdeinwirkung, wofür im Tennis längst Listen geführt werden. Zum inoffiziellen Europarekord, den die Profis auf dem Platz aufgestellt haben, kämen noch die Zitate der Trainer. Der Schwede Lars Lagerbäck hat tatsächlich seine Mannschaft gelobt ("alle Spieler gaben ihr Bestes"). Mustafa Denizli schimpfte auf den Schiedsrichter, der sein Team mehrfach, vor allem, wenn es ums Abseits ging, benachteiligt habe. Können Nationaltrainer nicht mehr objektiv sein? Warum hat sich keiner der Herren entschuldigt dafür, dass die Mannschaft, die mit am souveränsten durch die Qualifikation gesteuert war und der aufgepeppte Uefa-Pokalsieger Galatasaray gekickt haben wie eine Matrosen-Auswahl aus Stockholm gegen die Busfahrer von Istanbul?

Womöglich gäbe es sogar Gründe. Schwedens Sturm leidet unter Verletzungen. Nachdem Kennet Andersson mit dem Knöchel umgeknickt war und Henrik Larrson neun Monate nach einem doppelten Beinbruch noch keine Form haben kann, trug zum Schluss allein Jörgen Pettersson die Tor-Hoffnungen. Doch was will man auf internationaler Bühne von einem erwarten, der beim 1. FC Kaiserslautern nicht immer erste Wahl ist? Bei Borussia Mönchengladbach hieß Pettersson im Volksmund schon "der Chancentod". Und welche Note wird dann erst den türkischen Stürmer-Stars Hakan, Arif, Sergen oder Okan gerecht? War dieser Debattier- zirkel wirklich identisch mit jenen Leuten, die vor ein paar Wochen den ersten Europapokal an den Bosporus geholt hatten? Wahrscheinlich war das zu viel des Guten, zwei Höhepunkte innerhalb von zwei Monaten schaffen türkische Fußball-Stars noch nicht. Noch liegen dort die Leistungs-Extreme zu dicht beinander. Genauso wie die Mentalität. "Ich kann nicht akzeptieren, dass meine Spieler von den Zuschauern beleidigt werden", ereiferte sich Denizli. Schon am Tag zuvor waren sie mit Obst beworfen worden.

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