Sport : Schwedin siegt, Russin dopt

Frank Bachner

Die Fernsehkameras zoomten direkt in ihre Augen. Die Augen schimmerten gelb und blau. Seht her, sagte Ludmilla Engquist damit, ich liebe dieses Land, dieses Schweden, so sehr, dass ich sogar Kontaktlinsen in den Landesfarben trage. Dann lief Ludmilla Engquist überragende 12,67 Sekunden über 100 m Hürden, besiegte im Stockholmer Olympiastadion Weltklasse-Sprinterinnen, und am nächsten Tag füllte die schwedische Zeitung "Aftonbladet" neun Seiten nur mit ihr und ihrem Sieg. Das war vor gut zwei Jahren, Ende Juli 1999, und neun Seiten sind okay für eine Nationalheldin.

Vor zwei Wochen zoomte wieder eine Fernsehkamera in ihre Augen. Aber diesmal zoomte sie direkt auf Tränen, die aus diesen Augen liefen. Ludmilla Engquist stand jetzt auch nicht in einem Stadion, sondern im Flughafen-Hotel von Kopenhagen, und ihre Tränen sahen in dieser Sekunde nur drei schwedische Reporter, darunter einer vom Fernsehen, die sie extra eingeladen hatte. Kopenhagen erschien ihr wohl angemessener als Stockholm. In Stockholm durchsuchte gerade die Polizei ihre Wohnung.

Diesmal zoomte die Kamera in eine Tragödie. Ludmilla Engquist sagte: "Ich habe ohne Wissen meines Ehemans Johann verbotene Mittel genommen. Ich kaufte ein paar Pillen, die anabole Steroide enthielten." Dopingpillen. Ludmilla Engquist war aufgeflogen, positiv getestet beim Bob-World-Cup in Lillehammer, Norwegen. Ludmilla Engquist, 37, Olympiasiegerin im Hürdensprint von 1996, ist jetzt Anschieberin. Oder, besser: Sie war es. Gedopt als Bobfahrerin, das ist noch so eine Geschichte. Eine kleine, die in die ganz große Geschichte passt.

In der ganz großen Geschichte der Ludmilla Engquist kommen Pathos, Gefühle und Rache vor. Ludmilla Engquist hat eine ganze Nation betrogen. Deren Menschen haben eine Heldin verloren, sie fühlen sich um ihre Gefühle betrogen, und deshalb schlägt diese Nation gnadenlos zurück. Aber dieses Schweden vergisst in seinem Zorn, dass es mitverantwortlich ist für diese Wut und diese Rachegedanken, die jetzt einer früheren Lehrerin entgegenschlagen. Die schwedischen Sportfans haben einen Menschen zum Mythos hochgeredet und sich an ihm berauscht, jetzt sind sie Opfer ihrer eigenen Illusionen.

Bis zu Engquists Geständnis, an einem Sonntagabend, war das Synonym der Reporter für die Athletin "der schwedische Superstar". Am Montag war sie nur noch die "aus Russland stammende schwedische Sportlerin", am Dienstag dann bloß noch "die russische Sportlerin". Vom Nationalheiligtum zur ungeliebten Ausländerin in zwei Tagen. Sie hätten nur noch Naroschilenko schreiben müssen, dann wäre die Wandlung perfekt gewesen. So hieß Ludmilla Engquist früher nämlich. Da war sie noch mit einem Russen verheiratet, als Ludmilla Naroschilenko wurde sie vor zehn Jahren Weltmeisterin im Hürdensprint, damals noch im russischen Trikot.

"Der Verband brauchte einen Star"

Aber 1993 heiratete sie den schwedischen Sprinter Johann Engquist. Sie übersiedelte nach Schweden, und am 20. Januar 1996 erhielt sie einen schwedischen Pass. Auf einmal sprintete eine Weltmeisterin im gelb-blauen Trikot. "Der Verband brauchte halt dringend einen Star", sagt Robert Kronberg, schwedischer Meister im Hürdensprint, heute. Es wurde blinde Zuneigung. Die Fans, die Funktionäre blendeten aus, dass ihr Liebling 1993 wegen Dopings vier Jahre gesperrt wurde, dass Engquists Begnadigung 1995 sehr bedenklich war. "Mein russischer Mann hat mir aus Eifersucht Dopingmittel ins Essen gemixt", hatte sie gesagt.

1996 wurde Ludmilla Engquist Olympiasiegerin, und dann kam die Geschichte mit dem Brustkrebs, mit der Ludmilla Engquist zur Legende aufstieg. Am 21. April 1999 diagnostizierten Ärzte die Krankheit bei ihr. Der Schock traf Schweden fast genauso hart wie die Sportlerin. Die Sprinterin quälte sich durch vier Chemotherapien, aber jeweils nach dem dritten Tag einer Behandlung begann sie zu joggen, nach dem fünften mit anspruchsvollem Training. Und Ende Juli 1999 lief sie, mit gelb-blauen Kontaktlinsen, im Stockholmer Stadion allen davon. Und dann schrie sie den Menschen im Stadion zu: "Ich lebe noch." Vier Wochen später gewann Ludmilla Engquist Bronze bei der Weltmeisterschaft. Zu Hause drängte sich Mona Sahlin, die sozialdemokratische Gleichberechtigungsministerin, an ihre Seite, die Fans lagen ihr zu Füßen, Sponsoren drängten sich auf, Journalisten verklärten sie zur Heldin. Ludmilla Engquist stieg zum Mythos auf. Als sie mit 36 Jahren wegen einer Fußverletzung zurücktrat, hatte sie längst diese Bedeutung, die nicht an den Sport gebunden ist. Ludmilla Engquist besaß gute Sponsorenverträge, ihr Gesicht prangte auf der Verpackung von Müsliriegeln, ins Stockholmer Stadion wurde eine Büste mit ihrem Gesicht gesetzt.

Vielleicht war Johann Engquist, ihr Mann und Manager, zu gierig. Er überredete sie zum Bobfahren. Er dachte an ihren Marktwert. Der ist jetzt ganz unten. Die Funktionäre, die jahrelang Engquists Vergangenheit ausblendeten, sagen jetzt: "Man muss ernsthafte Zweifel haben, dass sie als Leichtathletin nie gedopt war." Das "Svenska Dagbladet", das sie 1997 zur "Sportlerin des Jahres" kürte, verlangt jetzt, Engquist müsse den Preis zurückgeben, und Stockholmer Lokalpolitiker fordern, die Engquist-Büste schnellstmöglich abzubauen. Keneth Olson, Teamchef der schwedischen Leichtathleten, schüttelt nur noch den Kopf. "Was Ludmilla getan hat, ist nicht verzeihbar. Aber was jetzt abläuft, ist eine Massenhysterie", sagte er schwedischen Journalisten.

Ist diese Ludmilla Engquist eine traurige Gestalt, gesteuert von einem ehrgeizigen Ehemann und Manager? Oder ist sie nur eine Betrügerin, die gut schauspielert? Sie wollte nie wirklich Bob fahren, jedenfalls behauptete sie das. "Mir hätte das Anschieben genügt, am liebsten wäre ich dann oben geblieben", sagte sie mal in einem Interview.

Dopingpillen zum Fettabbau

In Kopenhagen erzählte Ludmilla Engquist, dass sie ursprünglich mit den Dopingpillen nach ihrer Karriere Fett abbauen wollte. Sie sagte auch, sie hätte dann diesen Druck gefühlt. Andere schwedische Anschieberinnen seien stärker gewesen als sie. Aber das schwedische Bob-Team besteht nur aus vier, fünf Frauen, und niemand kann schneller anschieben als eine frühere Sprint-Weltrekordlerin. Und warum nimmt eine Frau, die Brustkrebs hatte, Dopingpillen? Eine frühere DDR-Speerwerferin, systematisch gedopt, hat heute Brustkrebs. Ein Zusammenhang zwischen Anabolika und Krebs ist nicht auszuschließen. "Frevel am eigenen Körper", sagt Werner Franke, der Zellbiologe und Dopingexperte, zu Engquists Dopingkonsum.

Es ergibt alles keinen richtigen Sinn, aber vielleicht ist das ja die ehrlichste Geschichte über Ludmilla Engquist: Sie ist eine Frau, die für Beobachter schwer zu durchschauen ist. Keine Übergröße, aber wohl auch keine Verbrecherin. In Schweden gibt es jetzt den einen oder anderen, der das auch so sieht. Alf T. Samulson, Stadtsenator in Stockholm für Sport, hat vor kurzem in einem Interview gesagt: "Viele fordern jetzt, dass die Engquist-Büste entfernt werden soll." Aber: "Ich denke nicht so."

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