Sport : Schweigen auf Schalke

Die Fans strafen Trainer Slomka und sein Team im Spiel gegen Bayern mit Liebesentzug

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Die Fans des FC Schalke 04 sind für ihre Leidensfähigkeit bekannt. Aber an der Basis ist die Ressource Geduld allmählich ausgeschöpft. Statt der von Trainer Miko Slomka vorgesehenen „totalen Dominanz“ des Gegners hat der Bundesligist nach neun Spieltagen weiter genug damit zu tun, die eigenen Probleme in den Griff zu kriegen. Angesichts der Leistungen der Spieler sehen sich Slomka und Manager Andreas Müller dazu veranlasst, stets zu betonen, nur ein paar Schrauben müssten noch justiert werden, damit die Mannschaft zu außergewöhnlichen Leistungen imstande sei. Es fehle nur an Konstanz, um Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Solche Deutungen haben einen beträchtlichen Teil des Schalker Anhangs fürs erste zum Schweigen gebracht. Im Heimspiel an diesem Sonntag gegen Bayern München wollen die Fans in der Schalker Arena neunzehn Minuten und vier Sekunden lang (passend zum Gründungsjahr des Klubs) ihre akustische Unterstützung verweigern. Für die Mannschaft und das Trainerteam sei es „nicht besonders angenehm“, fast zwanzig Minuten auf den Zuspruch der Fans verzichten zu müssen, sagt Slomka. „Wir werden alles daran setzen, das Schweigen zu durchbrechen.“

Immerhin kann der Trainer noch auf verbale Unterstützung von oben hoffen. Vorstand und Aufsichtsrat bekennen sich unaufhörlich zu ihrem Cheftrainer. Die Bundesliga-Tabelle, die Slomka seinen Kritikern als Argument entgegenhalten kann, lässt ihnen noch keine andere Wahl: Momentan belegt Schalke den dritten Platz, punktgleich mit dem Titelverteidiger aus München und nur drei Zähler hinter Spitzenreiter Bremen. Wie der FC Bayern steht aber auch Schalke viel besser da, als es die Leistungen auf dem Rasen vermuten lassen. Uefa-Cup und DFB-Pokal sind für Schalke längst beendet.

In Frage gestellt zu werden ist für Mirko Slomka nichts Besonderes. Damit lebt er, seitdem er Schalke trainiert. Doch das Klima wird rauer, die Intervalle der Ruhe werden immer kürzer. Der 39-Jährige ahnt, was auf ihn zukommen könnte, wenn nicht bald ein nachhaltiger Aufschwung einsetzt. „Sollten wir am Sonntag gegen die Bayern nicht gewinnen, wird aus dem rauen Wind ein starker Sturm.“ Doch selbst dann will er nicht aufgeben: „Wenn es Sturm gibt, stelle ich mich mitten hinein.“

Die Mannschaft hingegen wirkt nicht ganz so wetterfest. Slomka ist es nicht gelungen, eine Anhäufung von Individualisten zu einem funktionierenden Team zusammenzufügen. Sogar der sonst nicht gerade als Wortführer auffallende Stürmer Kevin Kuranyi deutet an, dass es mit Zusammenhalt und Zusammenspiel nicht zum Besten bestellt sei. „Aus dem Mittelfeld und aus der Abwehr muss mehr nach vorne kommen. Da muss endlich ein echtes Team auftreten“, sagt der verhinderte Torjäger, der seit längerem in der Kritik steht und sich zuletzt auf der Ersatzbank wiederfand. „Wir müssen mehr miteinander reden, und wir dürfen die Schuld nicht immer bei anderen suchen.“

Der Trainer bemüht sich eifrig, den guten Charakter des Teams hervorzuheben, und vermeidet es, die Spieler öffentlich zu kritisieren – offenbar in der Hoffnung, sich auf diese Art ihre Gefolgschaft zu sichern. Slomka glaubt jedenfalls, die Mannschaft noch erreichen zu können, und hat vorerst die Erlaubnis seiner Vorgesetzten, es weiter versuchen. In stürmischen Zeiten wie diesen ist Vertrauen aber kein Gut von unbegrenzter Haltbarkeit. Es dürfe „natürlich nicht ewig dauern“, bis der Erfolg sich einstelle, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies. „Irgendwann müssten wir reagieren, aber das ist jetzt verfrüht. Wir gehen erst einmal durch diese Woche durch.“

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