SCHWEIZ : Kleines Land im großen Rausch

Vancouver - Die Schweizer überschlagen sich derzeit mit Lobeshymnen auf ihre Sportler. Die Boulevardzeitung „Blick“ ist laut eigener Titelgeschichte im „Gold-Rausch“ und hat ihr Logo im Internet mit drei virtuellen Gold-Medaillen behängen lassen. Im „Tagblatt“ war von einem historischen Sieg zu lesen. Mit drei Goldmedaillen nach vier Wettkampftagen durfte sich die Schweiz zumindest eine Weile als beste Wintersport-Nation fühlen, auch wenn sich der Medaillenspiegel natürlich stündlich überholen kann.

Den Beginn der Euphorie begründete am Samstag der Skispringer Simon Ammann mit seinem Triumph, am Montag dann siegten Didier Defago auf der Abfahrt und Dario Cologna in der Loipe. Der 23-jährige Cologna holte als erster Schweizer überhaupt eine Goldmedaille im Langlauf, nach 15 Kilometern hatte er 24,6 Sekunden Vorsprung auf den Zweitplatzierten.

Die drei Schweizer Sieger beglückwünschten sich gegenseitig. Simon Ammann hatte sich den überraschenden ersten Platz von Didier Defago sogar live angesehen – er jubelte inmitten seiner Landsleute und unter dröhnenden Kuhglocken auf der Tribüne. Defago, der die versammelte Weltspitze auf der Abfahrt hinter sich gelassen hatte, witzelte in Richtung des Langläufers Dario Cologna: „Konditionell musst du noch etwas zulegen. Ich war nach meiner Fahrt im Ziel noch auf den Beinen, du nicht.“ Defago sehe deshalb auf jeden Fall noch Steigerungspotenzial bei Cologna. Im House of Switzerland in Whistler war am Montag wohl jeder Spaß erlaubt.

Didier Defago schaffte wie Dario Cologna nicht nur Überraschendes, auch sein Sieg hatte etwas Besonderes: Er gewann als ältester Abfahrer eine Goldmedaille in dieser risikoreichen Disziplin. „Olympiasieger klingt sehr, sehr gut“, sagte Defago, der nur sieben Hundertstelsekunden vor dem Norweger Lund Svindal lag. Kurzzeitig hatte es auf der Abfahrt sogar nach einem Schweizer Doppelsieg ausgesehen, weil Didier Cuche in den oberen Teilabfahrten Bestzeiten gefahren war. Doch im Ziel lag er 36 Hundertstelsekunden zurück und landete schließlich nur auf Rang sechs. „Ich kann mir nicht erklären, wo ich die verloren habe“, sagte er enttäuscht.

Bis zu 1,5 Millionen Zuschauer hatten die Abfahrt im Schweizer Fernsehen verfolgt und sich mit Didier Defago gefreut, was einem Marktanteil von 66,8 Prozent entsprach. Das anschließende Langlaufrennen über 15 Kilometer mit dem Sieg von Cologna schauten sich dann immerhin auch noch bis zu 716 000 Zuschauer vor den Bildschirmen an – ein Marktanteil von 45,7 Prozent.

Und die Schweizer Sportler wollen die Euphorie nutzen, um weitere Medaillen zu holen. Didier Defago zumindest hat sich einiges vorgenommen, er sei nach eigener Aussage in ausgezeichneter Form. „Ich bin ein Sportler mit großem Ehrgeiz. Ich lehne mich jetzt nicht zurück, ich habe noch lange nicht genug“, sagte er.

Selbst im Eishockey hatten schon einige an eine Sensation geglaubt, dafür aber reichte es gegen das übermächtige Kanada auch nach den drei Goldmedaillen nicht: Das Eishockeyteam der Frauen verlor trotz Kampfes bis zur letzten Sirene 1:10. dpa/Tsp

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