Sport : Schwere Gedanken

Die Verantwortlichen rätseln über Deislers neue Depressions-Symptome

Daniel Pontzen[München]

Irgendwo über den Wolken, die dicht hingen zwischen München und Turin, muss die Stimmung umgeschlagen sein. Bevor Sebastian Deisler am Montagvormittag die Maschine betrat, die ihn und den FC Bayern zum Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin bringen sollte, schlenderte der junge Mann durch den Flughafen, hatte einen Stöpsel seines MP3-Players im Ohr und plauderte mit seinen Kollegen. Erst als er es sich auf seinem Platz bequem gemacht hatte und die mitgebrachten Zeitungen las, verfinsterte sich seine Miene, wie Mitreisende berichten.

In gewohnt harschem Ton hatte die Presse die Leistung der Münchner beim 0:1 gegen Schalke gegeißelt. Auch dem Mittelfeldspieler waren einige Zeilen gewidmet: „Deisler – das trotzige Sorgenkind“ hatte eine Zeitung getitelt. Überall war zu lesen, dass Felix Magath die Leistung des zur Pause ausgewechselten Mittelfeldspielers kritisiert hatte. Die Lektüre muss einige Verzweiflung in Deisler ausgelöst haben, denn es dauerte nach der Landung nicht lange, bis er Manager Uli Hoeneß anvertraute, er wolle zurückfliegen, er fühle sich nicht gut.

Abends sendeten Fernsehsender Berichte über einen angeblichen Rückfall Deislers, der Ende Januar nach mehrwöchiger stationärer Behandlung einer Depression aus der Psychiatrie des Münchner Max-Planck-Institutes entlassen worden war. Nach Einschätzung von Klinikleiter Florian Holsboer sind Deislers neue Beschwerden jedoch nicht als Rückfall zu werten. Der Mediziner bestätigte, dass die jüngsten sportlichen Erlebnisse als Auslöser in Frage kommen könnten. „Er ist wohl selber mit seiner Leistung nicht ganz zufrieden gewesen“, sagte Holsboer, „dann kommt es vor, dass nach einer solchen Geschichte das eine oder andere Symptom aufflackert.“

Vor wenigen Wochen hatte er Deisler noch für „vollständig geheilt“ erklärt, hatte jedoch in der ARD-Sendung „Beckmann“ gesagt, dass die Erkrankung durchaus wieder auftreten könne. Er tadelte damals Deisler vorsichtig, „dass er sich gar nicht mehr sehen lässt bei uns“. Dennoch ist die Hoffnung nicht unbegründet, dass Deisler in einem Stadium ist, „wo das alles relativ schnell in den Griff zu kriegen ist“, wie Hoeneß glaubt. Während Holsboer sein Statement abgab, weilte Sebastian Deisler in seiner Münchner Wohnung. Eine stationäre Behandlung scheint vorerst nicht notwendig zu sein. Trotz der schlechteren Stimmung, die Hoeneß in den letzten Wochen bei Deisler ortete, wirkte er zu einer robusteren Persönlichkeit gereift, nicht zuletzt durch die Geburt seines ersten Kindes Anfang des Jahres.

Für Felix Magath kam die jüngste Entwicklung überraschend. Der Bayern-Trainer stand der frühen Rückkehr Deislers zur Nationalmannschaft skeptisch gegenüber. DFB-Teamchef Oliver Bierhoff sagte: „Er war in unserem Kreis sehr locker, hat auch gescherzt. Ich denke nicht, dass die Nationalmannschaft ein zusätzlicher Druck für ihn war.“

Wann Deisler auf den Fußballplatz zurückkehren wird, blieb unklar. „Wir sind so verblieben, dass wir uns im Laufe der Woche treffen“, sagte Hoeneß. Wie der Manager des FC Bayern sicherte auch Bierhoff jede Unterstützung zu. „Wir werden auf ihn warten.“

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