Sport : Schwere Leichtigkeit

Das offensive Spiel der Nationalmannschaft erfordert mehr Planung, als im Idealfall sichtbar wird

Stefan Hermanns[Frankfurt am Main]

Paul Breitner hat vor einer Woche einen ziemlich guten Witz gemacht, und das Witzigste war, dass niemand den Witz als Witz erkannt hat. Breitner hat nämlich seine Sorge geäußert, dass die deutschen Fußball-Nationalspieler vor lauter Fitnesstraining noch zu Leichtathleten degenerieren. Das war insofern bemerkenswert, als Breitner selbst zu den Protagonisten der wahrscheinlich leichtathletischsten Epoche des deutschen Fußballs gehört hat. In den frühen Achtzigerjahren rannten die Deutschen ihre Gegner einfach in Grund und Boden, und mit Hans-Peter Briegel, einem gebürtigen Zehnkämpfer, hatte der deutsche Kraftfußball genau die Symbolfigur, die er damals verdiente.

Breitners Kritik war auch sonst wenig fundiert, weil sie dem Bundestrainer Jürgen Klinsmann eine Intention unterstellte, die nicht der Realität entspricht. „Wir wollen keine Dauerläufer, die in einem Spiel 14 Kilometer zurücklegen“, sagt Klinsmanns Assistent Joachim Löw. „Es kommt nicht darauf an, viel zu laufen, es kommt darauf an, effizient zu laufen.“ Erfolgreich rennen können inzwischen auch Südkoreaner und Chinesen; entscheidend ist aber, dass die deutschen Spieler selbst in der 90. Minute noch fit genug sind, damit sie spielen können. „Die Mannschaft geht ein sehr hohes Tempo“, hat Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, nach dem Länderspiel gegen Russland gesagt. „Aber die ganzen 90 Minuten kann sie es noch nicht durchhalten.“ Folglich gelang den Russen in der Schlussminute noch der Ausgleich. Schon im Februar gegen Argentinien hatte das deutsche Team in der Endphase den möglichen Sieg verspielt.

Jürgen Klinsmann hat die Fitnessexperten aus den USA nicht engagiert, um seine Spieler zu quälen. Sie sollen die Mannschaft fit machen für ein Spielsystem, das „hohes Tempo, hohen Einsatzwillen und enorme Laufbereitschaft“ verlangt. Klinsmanns Tun liegt auch in diesem Fall eine Idee zugrunde, wie auch der neue offensive Spielstil der Nationalmannschaft kein ungezügelter Hurrafußball ist. Er wird mit sehr viel mehr System betrieben, als nach außen sichtbar wird. Die Planung fängt schon bei der Frage an, wie und wo der Gegner am besten attackiert wird, um den Ball zu erobern. „Ziel ist es, möglichst schnell in des Gegners Hälfte zu kommen“, sagt der Bundestrainer. Joachim Löw, der Klinsmanns übergeordnete Philosophie in die taktische Schulung der Spieler herunterbricht, hält es für günstiger, in der Mitte des Platzes an den Ball zu kommen. Das eröffnet der eigenen Mannschaft mehr Möglichkeiten, das Spiel fortzusetzen. An den Seitenlinien sind es meistens nur zwei: der Pass in die Mitte und der inzwischen geächtete Umweg über den Torwart.

Doch auch das Spiel nach vorn ist keine freie Improvisationskunst. „Gute Mannschaften erkennt man daran, wie viele Anspielmöglichkeiten der ballführende Spieler hat“, erklärt Joachim Löw. „In Deutschland gibt es Mannschaften, bei denen man das Spiel ohne Ball wenig ausgeprägt sieht.“ Man könnte auch sagen: Mannschaften, bei denen das Spiel ohne Ball funktioniert, heben sich positiv von der Masse ab. Die Bremer zum Beispiel haben das in ihrem Meisterjahr so überzeugend praktiziert, dass manchmal der Eindruck entstanden ist, als hätten sie einen Spieler mehr auf dem Platz.

Solche Überlegenheit ist keine Frage der Begabung, sondern oft ganz einfach das Resultat harter Arbeit. „Wir müssen das Stehen aus den Köpfen kriegen. Bei Top-Mannschaften kann man das gut beobachten“, sagt Löw. „Da sprinten drei Spieler von dem ballführenden Mann weg, die den Ball gar nicht bekommen. Sie reißen nur eine Lücke für den vierten Spieler, der angespielt wird und das Tor macht.“ Diese Sprints im Höchsttempo dauern nur wenige Sekunden, im Laufe eines Spiels aber müssen sie je nach Bedarf beliebig oft wiederholt werden können. Ohne die entsprechende Ausdauer geht das nicht.

Was sonst passiert, war vor zwei Wochen im Spiel der Nationalelf gegen Bayern München zu beobachten. Die Spieler hatten gerade ein paar freie Tage hinter sich, waren nicht austrainiert, und konnten deshalb das nötige Engagement nicht einbringen. „Andreas Hinkel hatte an der rechten Seite manchmal 20, 25 Meter um sich herum keine Anspielstation“, sagt Joachim Löw. „Er hat den Ball sechsmal zu Jens Lehmann zurückgespielt. Sechsmal in zehn Minuten.“

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