Schwersten Kampf verloren : „Doutor Sócrates“ ist tot

Der WM-Teilnehmer von 1982 und 1986 starb am frühen Sonntagmorgen im Alter von 57 Jahren im Albert-Einstein-Krankenhaus in Sao Paulo, wie die Klinik bestätigte.

Socrates (v.) 1982 beim WM-Spiel gegen die Sowjetunion.
Socrates (v.) 1982 beim WM-Spiel gegen die Sowjetunion.Foto: dpa

Der frühere brasilianische Fußball-Star Sócrates ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 57 Jahren an den Folgen eines septischen Schocks nach einer Darminfektion. Sócrates, den seine Fans wegen seiner Mediziner-Ausbildung „Doutor“ nannten, war am Donnerstag auf die Intensivstation des Albert-Einstein-Hospitals in São Paulo gebracht worden. Eine Sprecherin des Krankenhauses bestätigte den Tod. Sócrates sollte noch am Sonntag, zeitgleich zum Anpfiff des letzten Spieltages der Meisterschaft, beigesetzt werden.

Zuletzt war der studierte Kinderarzt aus Belem in seiner Heimat als Kolumnist und Fernsehkommentator tätig gewesen. Im August hatte er seine Alkoholsucht öffentlich gemacht, nachdem er bereits damals in einer Klinik behandelt werden musste. Seinerzeit konnten operativ noch eine Leberzirrhose und eine Magenblutung behoben und damit das Leben des einstigen Kapitäns der Nationalmannschaft gerettet werden. Diesmal war jedoch keine Rettung mehr möglich. Sócrates wurde zuletzt im künstlichen Koma gehalten und mit Geräten beatmet. Er war bereits im August und September zweimal ins Krankenhaus gebracht worden. Damals hatten die Ärzte innere Blutungen und eine Leberzirrhose wegen übermäßigen Alkoholkonsums festgestellt.

Socrates konsumierte schon zu seiner aktiven Zeit in den 1980er Jahren regelmäßig Alkohol und Zigaretten. Damals spielten auch die Superstars der Selecao noch in Brasilien. Als Mittelfeldspieler der Corinthians in Sao Paulo soll er nicht nur häufig Bier und Schnaps getrunken, sondern auch täglich eine Packung Zigaretten geraucht haben. Er sei Arzt und wisse, dass Rauchen für niemanden gut sei, er habe es aber einfach zu sehr genossen, sagte er später.

In seiner Heimat stand er bei Flamengo (Rio de Janeiro) und den Corinthians in São Paulo unter Vertrag. Für Corinthians bestritt er 297 Spiele und schoss 172 Tore. Der Verein, der am Sonntag beste Chancen hat, brasilianischer Meister zu werden, hatte ihm noch am Samstag mit dem Spruch „Força, Doutor!“ (Kraft, Doktor!) Mut gemacht und ihn als eines der größten Idole der Club-Geschichte bezeichnet.

„Danke für die schönen Tore, die genialen Pässe, für den meisterhafte Fußball, den nur Sócrates so konnte. Obrigado, Doutor! (Danke Doktor)“, schrieb der Club auf seiner Internetseite. Sócrates sollte am Sonntag um 17.00 Uhr (Ortszeit) auf dem Friedhof „Guter Hirte“ in Ribeirão Preto rund 320 Kilometer nordwestlich São Paulos beigesetzt werden, wie der Brasilianische Fußballverband CBF mitteilte.

Sócrates sei einer der „brillantesten Spieler der Geschichte der brasilianischen Seleção“ gewesen, hieß es in einer CBF-Mitteilung. Er habe 63 Spiele im Nationaltrikot bestritten und 25 Tore geschossen. Zum ehrenden Gedenken an „Dr. Sócrates“ werde es vor dem Anpfiff der ebenfalls am Sonntag um 17.00 Uhr beginnenden Partien des letzten Spieltages der Brasileirão (Meisterschaft) eine Schweigeminute geben. In Brasilien müssen Verstorbene binnen 24 Stunden beigesetzt werden.

Sócrates spielte in seiner aktiven Zeit auch für den AC Florenz. 1984 gab er kurz vor der Abreise nach Italien der dpa ein Interview. Damals trank er während des Gesprächs große Mengen Bier und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Die Frage, ob dies für einen Athleten angemessen sei, konterte er mit einem Lächeln und der Antwort: „Ich bin kein Athlet. Ich bin Fußball-Künstler.“ Der Vater von sechs Kindern stand stets politisch links und war stark engagiert. Während Brasiliens Militärdiktatur (1964 bis 1985) setzte er sich für die Demokratie ein und initiierte bei Corinthians eine „Spieler-Demokratie“ (Democracia Corinthiana). Damals konnten die Spieler praktisch das gesamte Vereinsleben per Mehrheitsbeschluss gestalten. Die Fangemeinde von Corinthians zählt zu den größten Brasiliens. Sie wird in den kommenden Tagen Trauer tragen.

Bei den WM-Turnieren 1982 in Spanien und 1986 in Mexiko bildete er unter anderem mit Zico und Falcao eine der bis heute spielstärksten und in Brasilien am meisten verehrten Mittelfeldreihen. Den Titel konnte er jedoch nicht gewinnen. Von seinem ausschweifenden Leben ist der Fußballkünstler erst spät abgekommen. Als er im August im Krankenhaus mehrfach um sein Leben bangen musste, gelobte er totale Abstinenz. Nun erlag er den Folgen seiner Alkoholsucht. (dpa/dapd)

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