Schwimm-DM : Ein Gruß an den Rest der Welt

Die vielen Rekorde bei den Meisterschaften in Berlin zeigen, dass die deutschen Schwimmer ihre Stärke zurückgewonnen haben. Noch in Peking schwammen sie den Besten hinterher.

Frank Bachner
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Berlin – Nach der letzten Wende spürte Marco Koch nur noch einen Wunsch, aber der war fast übermächtig: Die ganze Quälerei möge doch bitte möglichst schnell zu Ende sein. Aber noch hatte der 19-Jährige 50 Meter vor sich, noch musste er Schmerzen ertragen, die er so brutal noch nie gespürt hatte. Aber als er anschlug, nach 200 Metern Brust, da war erstmal alles vergessen. Marco Koch von der SG Darmstadt hatte mit 2:08,33 Minuten einen Europarekord aufgestellt und den deutschen Rekord gleich um 3,64 Sekunden gesteigert.

Sie fiel nur kurz auf, diese Bestzeit; ein paar Minuten nach Koch schwamm Paul Biedermann Europarekord über 200 Meter Freistil (1:44,71 Minuten), und Britta Steffen kämpfte um ihren dritten Weltrekord bei den deutschen Schwimm-Meisterschaften. Sie verpasste ihn zwar über 50 Meter Freistil (24,45 Sekunden), aber die Show gehörte ihr. Ihr und Biedermann. Einer wie Koch verschwindet da schnell wieder in der Unauffälligkeit.

Dabei sind Leute wie Koch die Athleten, die diese Meisterschaften wesentlich geprägt haben. Leute, die für einen Trend stehen. Es ist die Generation der jungen, hungrigen Athleten, die ohne Respekt ins Becken springen. „Die haben keine Angst, die gehen ein Rennen couragiert an“, sagte Bundestrainer Dirk Lange. „Ich bin ganz besonders froh, dass solche Leute aus der zweiten Reihe gut aufgetreten sind.“

Dass Steffen, Biedermann, Daniela Samulski oder Helge Meeuw Weltklasse-Niveau haben, das wusste Lange ja. Aber er braucht neue Schwimmer, die sich von großen Namen und harten Normen nicht beeindrucken lassen. Hendrik Feldwehr gehört zu dieser Sorte, der Sieger über 100 Meter Brust, der den deutschen Rekord gleich um eine Sekunde auf 59,45 Sekunden verbesserte. Und hinter dem 22-Jährigen blieben gleich zwei Athleten ebenfalls unter der Minuten-Grenze. Eine wahre Leistungsexplosion auf einer jahrelangen Problemzone des deutschen Schwimmens. Auch der Rückenschwimmer Felix Wolf oder der Lagenspezialist Yannick Lebherz sind Teil dieser jungen Wilden.

Drei Weltrekorde, drei Europarekorde, dazu noch 14 deutsche Rekorde, das ist die Bilanz von Berlin. „Das war Werbung für den Schwimmsport“, verkündete Lange. „Wir müssen nicht in einem VW-Bus zur WM nach Rom fahren“, schob DSV-Sportdirektor Lutz Buschkow hinterher. Im Klartext: Es fährt nicht bloß eine Handvoll Athleten zur WM. Aber die Deutschen brauchen auch nicht gleich den größten Reisebus. „Man darf das Ergebnis auch nicht überbewerten“, sagte Lange nämlich auch noch. „Wir reisen mit dem kleinsten Team, das wir je zu einem Höhepunkt geschickt haben.“ Das liegt aber auch an den „brutal hohen WM-Normen“ (Lange).

Über die WM-Chancen sagen die Ergebnisse von Berlin ohnehin nicht allzu viel aus. Weltniveau hatten die Deutschen immer, auch 2007 und 2008, als es die WM- und die Olympia-Pleite gegeben hatte. Da hatten die DSV-Stars auch bei den deutschen Meisterschaften mit Weltklassezeiten geglänzt. Dummerweise versagten sie dann aber jeweils bei den Höhepunkten. Die Weltmeisterschaft in Rom wird deshalb zum spannenden Test. Wer zeigt echte Wettkampfhärte?

Es wird in Rom um die Nerven gehen, das ist klar. Die Spitzenzeiten von Berlin sind schön und gut, sie zeigen den grundsätzlichen Trend, aber auf die WM kann man sie schwer hochrechnen. Denn in den nächsten Wochen werden viele Weltrekorde fallen, das ist so sicher wie der nächste Regenguss.

Deshalb ist die Wettkampfhärte so wichtig. Britta Steffen, die Doppel-Olympiasiegerin, besitzt sie. Und Paul Biedermanns Chancen? Biedermann ist die große Überraschung dieser Titelkämpfe, mehr noch als Steffen. Wochenlang war er krank, deshalb fehlen ihm viele Trainingskilometer. Trotzdem verbesserte er drei deutschen Rekorde. Marco Koch dagegen bleibt erstmal zurückhaltend: „Mein Ziel“, sagt der Europarekordler, „ist ein Finaleinzug.“

Natürlich spielen die neuen Anzüge bei diesen Zeiten eine große Rolle. Aber die Leistungssprünge etwa von Feldwehr oder Lebherz sind damit nicht allein zu erklären. Dass der Anzug nur bedingt für Topzeiten sorgt, bewies Daniela Samulski. Die zog zehn Minuten vor ihrem Start über 50 Meter Rücken kurz an ihrem Anzug – und sah plötzlich einen Riss. Ihr Trainer Henning Lambertz konnte die Stelle nur noch hektisch mit einem Tape überkleben. Ein paar Minuten später schwamm Samulski Weltrekord.

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