Schwimm-EM : Biedermann holt Gold über 200 Meter

Paul Biedermann hält dem Druck stand und wird Europameister über 200 Meter Freistil, kann aber Phelps’ Weltjahresbestzeit nicht knacken.

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Paul Biedermann.
Paul Biedermann.Foto: dpa

Der trockene Siegerstrauß ragte wie ein Fremdkörper aus Paul Biedermanns großen Handflächen heraus. Welk, traurig und kaum beachtet von seinem Besitzer schaute das Grünzeug zu Boden, und der frisch gekürte Europameister über 200 Meter Freistil selbst wirkte tatsächlich nicht eben berauscht von seinem Erfolg über Silbermedaillengewinner Nikita Lobintsew aus Russland und den drittplatzierten Niederländer Sebastiaan Verschuren. Sondern vor allem erschöpft. „Ich konnte hier nicht so befreit schwimmen wie bei der WM in Rom 2009“, sagte Biedermann. In Rom hatte er den Titel in Weltrekordzeit geholt.

Eines aber wird der 24-Jährige am Sonntag, wenn die Europameisterschaften in Budapest zu Ende gehen, mit nach Hause nehmen: das Gefühl, eine bittere Pool-Erfahrung rasch verarbeitet zu haben. Zum EM-Auftakt hatte er gegen den 18-jährigen Yannick Agnel aus Frankreich verloren. Die medialen Reaktionen auf seinen zweiten Platz über 400 Meter Freistil konterte Biedermann schlicht. Erstens: „Meine Familie hat mich trotzdem noch lieb.“ Zweitens: „Das heißt nicht, dass ich jetzt ein schlechter Mensch bin.“

Dieser noch immer gute und nun auch mit EM-Gold versorgte Mensch „stand ganz schön unter Druck“, wie sein Heimtrainer Frank Embacher nach dem Rennen erzählte. Und auch Biedermann gestand: „Das war eine neue Situation für mich. Ich habe viel gelernt in Budapest.“ Zum Beispiel, anders als im Duell mit Agnel, mit seiner Offensive im Becken nicht so lange zu warten, bis es zu spät ist. „Wir haben unsere Schlüsse aus dem 400-Meter-Rennen gezogen und zugesehen, dass er nicht noch einmal diesen taktischen Fehler macht“, erklärte Embacher und analysierte genüsslich: „Pauls dritte 50 Meter waren für manchen Konkurrenten ein Schock.“

Mit der Siegerzeit von 1:46,06 Minuten war Biedermann allerdings um 0,45 Sekunden langsamer als Michael Phelps, der schnellste Mann über 200 Meter Freistil in diesem Jahr. „Die Zeit war unwichtig, nach den 400 Metern ging es heute um ein bisschen was anderes“, betonte Embacher, Biedermann widersprach: „Ich habe schon auf die Weltjahresbestzeit geschielt, die wollte ich haben. Deshalb bin ich ein bisschen traurig, aber mir hat hier einfach die Gelassenheit gefehlt.“

Doch auch wenn sich das existentielle Ausmaß des verlorenen Finals vom Montag laut Biedermann in Grenzen hielt, so war das gestrige Rennen über seine zweite Weltrekordstrecke der WM von Rom für den Doppel-Weltmeister alles andere als eine Lappalie. Zu seinem souverän gewonnenen Halbfinale über 200 Meter Freistil jedenfalls fiel Biedermann als allererstes ein: „Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich es noch drauf habe.“

Und außerdem war da ja noch das zentrale EM-Ziel, Michael Phelps die Weltjahresbestzeit mit einem „schönen Gruß nach Amerika“ wieder zu entreißen. Denn der 14-fache Olympiasieger aus Michigan mag über vier Bahnen Kraul bereits gegen den – bei der EM für diesen Wettbewerb erstaunlicherweise nicht qualifizierten – Agnel verloren haben, vor sechs Wochen in Paris war das. Vor einer Woche in Irvine, bei den US-Trials, meldete sich Phelps dann aber mit der schnellsten Zeit des Jahres zurück, war um 0,23 Sekunden schneller als Biedermann bei den deutschen Meisterschaften Anfang Juli in Berlin.

In Budapest wollte Biedermann das Pingpongspiel wieder zu seinen Gunsten drehen und bei der Gelegenheit auch gleich sein persönliches Reha-Programm nach dem Rückschlag vom Montag abschließen. Das ist ihm gelungen, wenn auch nicht in Vollendung. Eines aber ist klar: Seitdem er bewiesen hat, dass er Phelps über 200 Meter Freistil schlagen kann, wird sich bis zu Olympia 2012 in London auch die Öffentlichkeit immer wieder an seine Glanztat von Rom im Vorjahr erinnern. Biedermann weiß das, deshalb rief er seinem Widersacher gestern auch noch über den Atlantik zu: „Okay, Phelps ist jetzt noch vor mir – eine größere Motivation kann es doch nicht geben.“

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