Schwimm-EM : Schwimmer, die das Wasser scheuen

Nur neun Deutsche starten bei der EM - weil die anderen Angst haben. Helge Meeuw versteht nicht, wie man einfach kneifen kann.

Frank Bachner
Meeuw
Helge Meeuw -Foto: dpa

BerlinJanine Pietsch fiel dann auch noch aus, Manfred Thiesmann fand das richtig übel. Am Donnerstag teilte Pietsch mit, dass sie leider nicht zur Schwimm-Europameisterschaft in Eindhoven fahren könne, Bronchitis, sorry. Also strich Bundestrainer Thiesmann einen weiteren Namen. Die Italiener rücken mit 42 Schwimmern zur EM an, die Ukrainer mit 35, die Russen mit 32, die Franzosen mit 31. Deutschland kommt mit neun. „Sehr bedauerlich“, sagt Thiesmann. „Da hat man so einen tollen Wettkampf und geht nicht mit dem besten Team hin.“ Für den mickrigen Rest beginnen am Dienstag die ersten Wettkämpfe.

Und dann wird ausgerechnet auch noch Pietsch krank, die Europameisterin über 50 Meter Rücken, die Titelverteidigerin. „Die war hochmotiviert“, sagt Thiesmann, „die wollte auch über 100 Meter Rücken etwas erreichen.“ Die 100 Meter sind nicht gerade die Spezialität der 25-Jährigen. Pietsch hat Bronchitis, die anderen haben Angst.

Anders kann sich Thiesmann das Mini-Team nicht erklären. „Die meisten unserer Topstars kneifen“, sagt er. „Die scheuen das Risiko.“ Sie könnten ja verlieren, das müsste man ja erstmal verkraften. Das wollen sie aber nicht, es ist ein Olympiajahr, es geht um einen Startplatz für Peking. Und in vier Wochen sind die deutschen Meisterschaften. Dort, und nur dort, werden die Startplätze für Olympia vergeben. Die Olympiavorbereitung dürfe nicht in Gefahr geraten, sagen die Heimtrainer dem Bundestrainer Thiesmann und dem deutschen Chef-Trainer Örjan Madsen. Ein EM-Start bedeutet, dass einer das Grundlagentraining abbrechen muss. Diese Wochen fehlen dann im Hinblick auf die nationalen Titelkämpfe. Das ist die sportliche Begründung für das Desinteresse. Die meisten Schwimmer hatten sich nicht mal um eine EM-Qualifikation bemüht. Vor Eindhoven gab es keine klassische EM-Qualifikation, die deutschen Schwimmer hätten sich neun Monate lang bei diversen Wettkämpfen qualifizieren können. Aber bei stark besetzten internationalen Wettbewerben, bei denen die Chance zu guten Zeiten am größten ist, da traten viele Spitzenkräfte nicht an.

Britta Steffen, die vierfache Europameisterin, denkt anders. Sie wäre gerne bei der EM gestartet, aber sie ist verletzt. Der prominenteste deutsche Starter in Eindhoven ist jetzt Helge Meeuw, der Titelverteidiger über 50 Meter Rücken. „Man muss sich dem Gegner stellen, man muss sich aber vor allem sich selbst stellen“, sagt Meeuw.

Genau, sagt auch Örjan Madsen. „Ich habe mir schon gewünscht, dass mehr Athleten die Chance zur Startmöglichkeit wahrgenommen hätten. Da muss man den Mut haben, sich zu stellen.“

Und die Begründung von Heimtrainern, zwei Topwettkämpfe in vier Wochen seien nicht optimal zu gestalten, wischt Thiesmann weg. Ach was, sagt er, das geht sehr wohl. Dann zählt er Athleten auf, die das Gegenteil bewiesen hätten. Außerdem geht es um Wettkämpfhärte. „Für viele ist es ja härter, überhaupt ins Finale zu kommen, als dort gut abzuschneiden“, sagt Thiesmann. Das hat mit Nervenstärke zu tun. Die kann man in einem Weltklassefeld steigern. Jedenfalls wenn man denkt wie Meeuw: „Ich finde es scheiße, wenn ich verliere. Aber wenn ich verliere, muss ich das in einen Kontext stellen. Dann weiß ich die Gründe und kann reagieren.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar