Schwimm-Europameisterschaft : Pal Joensen im Interview: „Sie sind stolz auf mich“

Pal Joensen, der berühmteste Sportler der Faröer, spricht im Tagesspiegel-Interview über seine Heimat, das IOC und sein Rennen heute über 800 Meter Freistil.

Pal Joensen gewann EM-Silber im 1500-Meter Freistil.
Pal Joensen gewann EM-Silber im 1500-Meter Freistil.Foto: afp

Herr Joensen, am Mittwochabend haben Sie EM-Silber über 1500 Meter Freistil gewonnen. Hat der Premierminister der Färöer schon angerufen?
Noch nicht. Er weiß aber, dass ich sehr beschäftigt bin. Ich denke, am Freitag nach dem Finale über 800 Meter werden sich viele Leute bei mir melden.

Sind Sie in Ihrer Heimat so etwas wie ein Nationalheld?

Äh… ja. Ich mache das ja schon eine ganze Weile. Ich werde auf der Straße erkannt, viele Menschen sind stolz auf mich – zumindest erzählen sie mir das.

2008 wurden Sie dreifacher Jugend-Europameister, Ihr Regierungschef sprach von der „größten färöischen Sportleistung aller Zeiten“. Was für ein Empfang wurde Ihnen danach am Flughafen bereitet?

Das volle Programm, roter Teppich, Feuerwerk. Das war eine ziemliche Erfahrung für mich, ich war damals ja erst 17 Jahre alt. Wirklich überwältigend, ich hatte Tränen in den Augen. Mir ist klar geworden, welche große Unterstützung ich zu Hause bekomme. Und wie wichtig es mir ist, meine Nation glücklich zu machen.

2012 traten Sie bei den Olympischen Spielen an, über 400 Meter Freistil wurden Sie Neunter und 17. über 1500 Meter. Wie reagierten die 50 000 Einwohner der Färöer?

Es gab große Erwartungen, ich hatte mich stark verbessert und ging als Nummer vier der Welt in die 1500 Meter. Vielleicht war es der Druck, vielleicht war es einfach schlechtes Timing – es waren jedenfalls enttäuschende Olympische Spiele.

Hinzu kam, dass Sie für Dänemark starten mussten, weil das Internationale Olympische Komitee die Färöer nicht anerkennt.

Wir haben lange versucht, das zu ändern. Aber das sind politische Angelegenheiten, die nicht in meiner Hand liegen. Um Olympia nicht zu verpassen, hatte ich keine andere Wahl.

War es ein großes Opfer?

Auf dem Papier? Nein. Im Herzen bin ich aber für die Färöer angetreten, das wussten auch alle zu Hause.

Seit 2012 leben Sie in Kopenhagen. Was hat sich dadurch für Sie verändert?

Alles. Vorher habe ich in einem 25-Meter-Becken trainiert, meistens alleine. Ich bekomme viel Unterstützung vom dänischen Verband, ich trainiere mit Weltrekordlern und Weltmeistern. Das hat mir nach Olympia geholfen, wieder auf die Beine zu kommen.

Wie groß sind die Chancen, in Rio für die Färöer anzutreten?

Minimal. Das IOC ist nicht sehr interessiert an uns. Ich werde in Dänemark aber auch so stark unterstützt, dass ich vielen ein Messer in den Rücken rammen würde, wenn ich für die Färöer starten würde.

Sie tragen aber als einziger Sportler den Trainingsanzug mit der Flagge der Färöer. Fühlen Sie sich als Einzelkämpfer?

Auf jeden Fall. Ich bin aber nicht einsam, ich habe ja meine Teamkameraden. Ich bin eben nur der Einzige, der in einem sehr, sehr kleinen Land aufgewachsen ist.

Über 800 Meter haben Sie sich mit der schnellsten Zeit fürs Finale qualifiziert. Was würde zu Hause passieren, wenn Sie heute Abend den EM-Titel gewinnen?

Das wäre eine große Sache. Eine wirklich sehr, sehr große Sache.

Pal Joensen, 23, ist der berühmteste Sportler der Färöer. Am Dienstag gewann er EM-Silber über 1500 Meter Freistil. Bei Olympia startete er für Dänemark, wo er lebt und trainiert. Das Gespräch führte Lars Spannagel.

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