Schwimm-Pleite : Notwassern in Peking

Frank Bachner kommentiert die schwache Vorstellung der Deutschen im Schwimmen.

Frank Bachner

Die deutschen Schwimmer sind nur mit wenigen Medaillenhoffnungen nach Peking geschwommen, Sarah Poewe von Bayer Wuppertal/Dormagen über 100 Meter Brust und Helge Meeuw von der SG Frankfurt über 100 Meter Rücken hatten immerhin zu den wenigen gehört. Bis sie ihre Vorläufe beendet haben. Jetzt besetzen sie eine neue, eine frustrierende Rolle: als fassungslose Verlierer. Sarah Poewe, die als Europarekordlerin den Olympischen Spielen gereist ist, schlug in ihrem Vorlauf nach 1:08,69 Minuten an. Das ist 1,59 Sekunden über ihrer Bestzeit (1:07,10). Sie belegte damit den fast blamablen 20. Platz, am Einzug ins Halbfinale schwamm sie meilenweit vorbei. Helge Meeuw macht es nicht besser. Sein Europarekord über 100 Meter Rücken liegt bei 53,10 Sekunden. Gestern lag er erst nach 54,88 Sekunden ins Ziel, 1,78 Sekunden über seiner Bestzeit. Kurz nach ihm sprang Thomas Rupprath (Empor Rostock) über 100 Meter Rücken ins Wasser - und es wurde noch schlimmer. Rupprath verfehlte seine Bestzeit um fast zwei Sekunden. Das Halbfinale? Das blieb auch für Meeuw und Rupprath ein schöner Traum.

Die Tränen unterdrückt

Danach blieb nur Fassungslosigkeit. Sarah Poewe konnte ihre Tränen nur mit Mühe zurückhalten, als sie sagte: „Ich habe mich beim Einschwimmen sehr gut gefühlt. Was dann passiert ist, kann ich nicht erklären, ich war einfach nicht schnell genug." Dann dreht sie sich ab und es sah aus, als würde sie gleich weinen. Helge Meeuw brachte gleich gar nichts heraus. Er hatte seine Haare zu einer wirren Hochturm-Frisur geknetet und starrte sekundenlang ins Leere. „Oh, Mann", sagte er dann. „Nein, ich kann’s es nicht erklären." Pause. „Ich habe beim Einschwimmen Superzeiten erreicht, ich habe mich wohl gefühlt." Dann brach es ab, er konnte nichts mehr sagen. Thomas Rupprath, der erfahrenste deutsche Schwimmer, 31 Jahre alt, vielfacher Kurzbahn- Europa- und Weltmeister, bei der WM 2007 noch Zweiter über 50 Meter Rücken und bei der WM 2003 Weltmeister über diese Strecke, sagte über seine eigene Leistung: „Zwei Sekunden über der eigenen Bestzeit, das ist ja fast eine Frechheit. Da muss man sich ja bei den Leuten entschuldigen, die sich vor den Fernseher gesetzt haben. Das ist kein Hochleistungssport."

Das ist es ganz bestimmt nicht. Aber es ist eine Parallele zur WM 2007, wo die deutschen Schwimmer teilweise ebenfalls um mehrere Sekunden an ihrer jeweiligen Bestzeit vorbei geschrammt waren. Helge Meeuw war einer von ihnen. Es hatte über 100 Meter Rücken eine Zeit abgeliefert, der „ich sonst im Koma zeige". Am Ende landete er auf dem 15. Platz.

Zurückhaltender Trainer

Auffällig ist dieser krasse Abstand zur eigenen Bestzeit. Dass in Peking extrem schnelle Zeiten geschwommen würden, war jedem klar. Deshalb hatte der deutsche Cheftrainer Örjan Madsen bereist vor dem ersten Start sein Ziel zurück genommen, er wolle mehr Medaillen gewinnen als bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Das wären sieben Medaillen gewesen. Kurz vor den Spielen sagte der Norweger bloß noch: „Ziel ist es, dass jeder seine Bestzeit steigert." Bei den Medaillenchancen hielt er sich zurück.

Aber genau diese Bestzeiten verpassten die Schwimmer erheblich. Und das deutet, unabhängig von jeder sportfachspezifischen Analyse auf ein grundsätzliches Problem. Die deutschen Schwimmer sind nicht nervenstark genug, dem Leistungsdruck, der bei Olympischen Spielen herrscht, halten sie nicht stand. Mit trainingsmethodischen Fehlern sind solche Leistungseinbrüche auf keinen Fall zu erklären. Sarah Poewe hatte sich extra für ein Jahr in ihrer Universität in den USA abgemeldet, war in ihr Heimatland Südafrika gereist und hatte sich dort intensiv vorbereitet. Sie hatte Gewicht verloren, war wieder durchtrainierter und demonstrierte ihre neue Stärke bei den Deutschen Meisterschaften 2008, der Olympiaqualifikation mit dem Europarekord. Dabei dürfte eigentlich gerade ihr diese psychische Krise nicht unterlaufen. Immerhin hatte sie bei den Olympischen Spielen 2000 Platz vier über 100 Meter Brust und bei den Olympischen Spielen 2004 Rang fünf über diese Strecke belegt. Aber die Kulisse von 17 000 Zuschauern im hochmodernen Schwimm-Stadion von Peking hat sie wohl eingeschüchtert. Schon bei der WM 2007 in Melbourne, in der riesigen Rod-Laver-Halle mit ihren 15 000 Plätzen, waren sich viele deutsche Schwimmer ganz klein vorgekommen. So eine Kulisse hatte sie noch nie erlebt.

Hochsensible Athleten

Auch Helge Meeuw hatte sich eigentlich gut vorbereitet. Er hatte den Trainer gewechselt, hatte sein Krafttraining umgestellt, er hatte ebenfalls bei der Olympiaqualifikation in Berlin seinen Europarekord aufgestellt. Aber da war die Kulisse das Schwimm- und Sprungzentrum in Berlin mit seinen 200 Zuschauern.

Dass er es mit hochsensiblen Athleten zu tun, die beim geringsten Störgeräusch scheuen wie hochgezüchtete Rennpferde auf der Galopp-Rennbahn, hatte Cheftrainer Madsen bei seinem Amtsantritt in März 2006 schnell festgestellt. Deshalb legte er größten Wert darauf, dass die Schwimmer die Hilfe von Psychologen und Mentaltrainern in Anspruch nehmen. Das hat nicht in dem Maße funktioniert, wie sich der Norweger das vorgestellt hatte. Bei der WM 2007 gab’s dann die Quittung. Madsen reagierte. Er forderte noch stärker die Arbeit im psychologischen Bereich. Deshalb sind zwei Psychologen in Peking direkt bei der Mannschaft. Ein dritter Psychologe arbeitet im erweiterten Team. Es ist das erste Mal, dass die deutschen Schwimmer überhaupt Psychologen so nahe bei sich haben. Die US-Amerikaner machen das schon lange, die rücken teilweise mit einem halben Dutzend Experten zu Olympischen Spielen an.

Dabei benötigen die diese Experten noch viel weniger als die Deutschen. Die US-Amerikaner lernen schon in ihren Trainingsgruppen extremen Konkurrenzkampf kennen. Und dadurch, dass alle Top-Schwimmer für Universitäten starten und diese ständig gegeneinander antreten, stehen sie auch ständig unter Leistungsdruck. Über den Leistungsdruck bei Olympia können sie nur müde lächeln. Die Deutschen treten vor einer großen Kulisse wie verschüchterte Häschen auf, die US-Amerikaner zelebrieren ihren Auftritt. Das gehört zu den beliebten Psychotricks, das ist aber auch natürliches Selbstbewusstsein. Im call room, wo sich die Schwimmer sich vor einem Rennen versammeln, kann man das gut sehen. Die US-Amerikaner kommen grundsätzlich zu spät und immer mit viel Lärm. Die klatschen sich gegenseitig ab, feuern sich an und zeigen ihre demonstrative Lässigkeit noch mit absonderlichen Klamotten. Eine US-Schwimmerin stöckelte bei der WM 2007 mit rosa Stiefeln in den call room. Nur Michael Phelps, der Super-Star des Schwimmens, der setzt sich still und in sich versunken in die Ecke, riesige Kopfhörer auf den Ohren, in die aggressiver Gangster-Rap dröhnt. Phelps braucht keine Psychotricks. Er ist so überragend, dass er andere schon einschüchtert, wenn er zur Tür rein kommt.

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