Schwimm-Staffeln : Mythos und Ehre

Beim Schwimmen geht es in der Staffel um Mythos und Ehre – der Teamgeist setzt ungeahnte Kräfte frei.

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Vierfach motiviert. Britta Steffen und ihre drei Kolleginnen wollen heute über 4x100 Meter Freistil eine Medaille gewinnen.
Vierfach motiviert. Britta Steffen und ihre drei Kolleginnen wollen heute über 4x100 Meter Freistil eine Medaille gewinnen.Foto: dpa

London - Britta Steffen hat es einfach nicht drauf, dieses Kämpferische. Sie ist zu sanft. Da hilft es wenig, dass sie jetzt diesen begeisterten Blick hat und dazu den Oberkörper strafft. Heute kämpft sie mit der 4x100-Meter-Freistilstaffel um eine Medaille, Bronze wollen die Deutschen, wie bei der WM 2011. Und was sagt Steffen? Die Doppel-Olympiasiegerin sagt: „In der Staffel ist man vierfach motiviert.“ Na toll, das ist zwar die Wahrheit, aber es ist keine aufputschende Parole.

Die Australier sind da schon kerniger, die Mitglieder der 4x100-Meter-Freistilstaffel, genauer gesagt. „Wir sind eine Massenvernichtungswaffe“, tönten sie gerade. Schönen Gruß an die USA, den großen Rivalen. Aber der kennt das schon. In Peking 2008 drohten ihnen die Franzosen: „Wir werden Euch zerschmettern.“

Natürlich übertreiben die Australier. Es geht nicht um die wörtliche Bedeutung, es geht ums Symbol. Staffel-Rennen im Schwimmen, das ist ein Mythos. Es gibt ein Bild, das alles sagt über diesen Mythos. Es hat sich eingebrannt im Gedächtnis vieler Fans. Michael Phelps mit verzerrtem Gesicht, die Arme triumphierend ausgebreitet, aus dem aufgerissenen Mund dröhnt ein markerschütternder Schrei. 14 olympische Goldmedaillen hat Phelps gewonnen, aber keine feierte er wie diesen Sieg mit der 4x100-Meter-Freistilstaffel bei Olympia 2008.

US-Schlussschwimmer Jazon Lezak hatte auf der letzten Bahn in einem unglaublichen Finish noch den Franzosen Alain Bernard abgefangen, obwohl Bernard bei der Wende eine Körperlänge Vorsprung hatte. Dennoch beherrschte ein Bild die Szene: der brüllende Phelps.

Staffeln lösen auf geheimnisvolle Weise ungeahnte Kräfte aus, als würden auf Knopfdruck enorme Energien freigesetzt. Der Teamgeist wirkt in Vollendung. Den Deutschen sichert dieses Phänomen regelmäßig Medaillen. Lars Conrad, als Einzelschwimmer international nur Durchschnitt, pflügte bei Olympia 2004 als Schlussschwimmer der Lagenstaffel über 100 Meter Freistil in 47,46 Sekunden durchs Wasser. Die Deutschen gewannen sensationell Silber. Selbst wenn man den Zeitvorteil durch den Staffelstart abzieht, war Conrad schneller als Pieter van den Hoogenband bei seinem Einzel-Olympiasieg in Athen über 100 Meter Freistil. Bei der EM 2006 siegten die deutschen Freistilstaffeln der Frauen in Weltrekordzeit.

Die deutsche 4x200-Meter-Freistilstaffel der Männer gilt als Königs-Staffel. Achtmal wurde sie Europameister, zweimal Weltmeister. Bei der EM 2012 gewann sie, obwohl Starschwimmer Paul Biedermann aus vollem Training ins Wasser gesprungen war. „Ein kleines Wunder“, hatte er diesen Sieg genannt. In London will er mit dem Team wieder „ein kleines Wunder“ erreichen. Eine Medaille.

In den USA ist die Staffel sogar eine Frage der nationalen Ehre. „Wenn eine US-Staffel verliert, dann verliert das Team USA“, sagt Manfred Thiesmann, der langjährige Bundestrainer und Spezialist für Staffeln. In den USA sind Staffelwettbewerbe unglaublich populär. Missy Franklin, neue Hoffnungsträgerin im US-Schwimmen, erzählt strahlend: „Ich liebe Staffeln über alles. Aber es ist so brutal schwierig reinzukommen, weil die Konkurrenz stark ist.“

Die USA zelebrierten ihre Überlegenheit in den Staffeln jahrzehntelang mit provozierender Arroganz. Andere Trainer tüftelten an Fragen wie: Wer schwimmt nach wem? Wer kann am besten den Rhythmus des anderen aufnehmen? Wie stellen die anderen auf? Firlefanz für US-Trainer. „Denen war es völlig egal, wie andere Nationen aufstellen, die hatten immer ihr System“, sagt Thiesmann. Der zweitbeste US-Athlet war Startschwimmer, der beste Schlussschwimmer, Punkt.

Das funktionierte bis Sydney. Bei den Sommerspielen 2000 holten beide australischen Freistilstaffeln der Männer Gold vor den USA. Für die USA war es ein Schock, als hätte jemand ihrer Freiheitsstatue die Fackel weggeschweißt. „Sydney“, sagte Phelps am Donnerstag, „das hat sehr geschmerzt“. Aber seit Sydney betrachten die USA Taktik immerhin nicht mehr wie eine abstoßende Krankheit. Und seit Sydney ist die Konkurrenz mutiger geworden, nicht nur die Australier. Frank Bachner

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