Schwimm-WM : Britta Steffen verzichtet auf alle weiteren Rennen

Britta Steffen gibt enttäuscht bei der Schwimm-WM auf und provoziert damit ihre Staffel-Kolleginnen

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Wasser auf mein Haupt. Britta Steffen will bei der Schwimm-WM in Schanghai keine weiteren Rennen mehr bestreiten.
Wasser auf mein Haupt. Britta Steffen will bei der Schwimm-WM in Schanghai keine weiteren Rennen mehr bestreiten.Foto: dpa

Ihre Niederlage verfolgte Britta Steffen auf dem Trockenen, fast teilnahmslos in einer Ecke der Schwimmhalle. Sie starrte auf das Becken, in dem der letzte Vorlauf über 100 Meter Freistil gerade zu Ende ging. Wenn nur vier Schwimmerinnen schneller sein würden als Steffen, dann wäre sie raus. Dann hätte die Weltrekordlerin und Olympiasiegerin über 100 Meter Freistil bei der Schwimm-WM in Schanghai über diese Distanz das Halbfinale verpasst. Doch Steffen hatte Glück, sie rutschte als 16. gerade noch ins Halbfinale. Auf dem Papier.

In der Praxis sagte sie zu ihrem Heimtrainer Norbert Warnatzsch: „Ich verzichte auf alle weiteren Rennen.“ Also auch auf die Titelverteidigung über 50 Meter Freistil. 54,86 Sekunden über 100 Meter Freistil in einem Vorlauf, das war gefühlt eine Schmach. Und mit verheultem Gesicht sagte sie dann, als stünde sie neben sich: „Vielleicht muss Britta Steffen auch mal lernen, dass es nicht immer nur gut geht, wenn man gut vorbereitet ist.“ Warnatzsch stand ihr zur Seite. „Wir wussten, dass es nicht besser geht“, sagte er. „Jetzt muss man sie schützen.“

Steffen verzichtet auch auf die Titelverteidigung über 50 Meter Freistil

Aber so einfach ist das nicht. Kein WM-Start mehr? Das bedeutete auch: kein Einsatz in der Lagenstaffel. Und da hört für einige der Spaß auf. Denn die Lagenstaffel kann bei der WM dem deutschen Verband einen Startplatz bei den Olympischen Spielen 2012 sichern. Steffens Teamkollegin Daniela Schreiber verkündete prompt: „Ich finde es egoistisch zu sagen, ich starte nicht mehr und die Lagen-Staffel allein zu lassen.“

Sportdirektor Lutz Buschkow erklärte erstmal väterlich, dass man Steffens Entscheidung respektiere. Das ist die offizielle Version von gestern. In Wirklichkeit werden er und Bundestrainer Dirk Lange intern versuchen, Steffen zu einem Staffel-Start zu überreden. Schließlich geht es um DSV-Interessen.

Aber erstmal steht ein anderes Problem an: Weshalb ist sie so enttäuschend geschwommen? Weshalb war sie schon in der 4-x-100-Meter-Staffel so schwach? „Körper und Geist“ hätten eine Rolle gespielt, sagte Steffen.

Viel spricht dafür, dass es nicht einen Grund gibt, viel spricht dafür, dass sich viele Kleinigkeiten zu einem gefühlten riesigen Problem auftürmten, an dem sie dann einfach scheiterte.

Trainingstechnisch können keine großen Fehler aufgetreten sein. Dazu ist Warnatzsch viel zu erfahren. Dazu waren ihre Zeiten bei der deutschen Meisterschaft auch zu gut. Doch in der unmittelbaren WM-Vorbereitung hatte sie zwei, drei Tage lang gesundheitliche Probleme. Nichts Schlimmes, aber so etwas kann eine sensible Athletin verunsichern. Und dann hatte die 27-Jährige aus gesundheitlichen Gründen mehr als ein Jahr lang Wettkampfpause gemacht, sie verzichtete auf die EM 2010, ihr fehlte damit dieses spezielle Fluidum eines internationalen Höhepunkts. Es fehlte dieses besondere Kribbeln, wenn man gegen Weltklasseathleten antritt. Es gibt Athleten, die stecken so eine lange Pause abgeklärt weg. Es gibt aber auch Sportler, die müssen erst wieder mit dieser Situation klarkommen.

Fest steht auf jeden Fall, dass Britta Steffen hochsensibel ist. Sie hat sich ihr Selbstbewusstsein mühsam aufgebaut. Die Studentin besitzt bis heute nicht diese psychische Robustheit, mit der man im Hochleistungssport zuverlässig Niederlagen professionell wegsteckt und an ihnen sogar wächst.

Steffen ist hochsensibel, der Druck ist zu groß geworden

Der wichtigste Punkt im Leben der Schwimmerin Steffen aber ist der extreme Druck, unter den sie sich immer gesetzt hat und immer noch setzt. Und jetzt war dieser Druck extrem. Wie würde sie nach ihrem Comeback auftreten? Wie schnell würde sie ohne High-Tech-Anzüge schwimmen? Das waren Fragen der Konkurrenz und anderer Fachleute, das waren Fragen, die jemandem, der übermäßig sensibel ist, enorm zusetzen können. Steffens eigene hohe Erwartungen kommen noch dazu.

Wer unter solcher Spannung steht, den können kleine Irritationen völlig aus dem Konzept bringen. Und den kann ein verpatztes Staffelrennen so verunsichern, dass er komplett die Linie verliert. „Ich würde gerne erstmal die Augen zumachen und dann nochmal mit ein bisschen Abstand auf den heutigen Tag schauen“, sagte sie gestern. Aber genauere Erklärungen für ihre Leistungen hat sie nicht. Sie steht nur hilflos vor Fragen und hat keine Antworten. „Ich habe alles versucht, ich kann mir keinen Vorwurf machen.“

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