Schwimm-WM : Die Biedermann-Show

Der deutsche Schwimmer Paul Biedermann bezwingt Michael Phelps auf dessen Stammstrecke und holt WM-Gold.

Andreas Morbach[Rom]
Biedermann
Paul Biedermann jubelt nach seinem Sieg über 200 Meter Freistil. Schwimm- Superstar Michael Phelps (vorn) hat das Nachsehen. -Foto: dpa

So schnell wie gestern um 18.07 Uhr Ortszeit ist Michael Phelps wohl selten aus einem Schwimmstadion gestürmt. Nicht eine Sekunde verschwendete der Superstar der Branche, um Paul Biedermann zu dessen phänomenalen Erfolg im Foro Italico zu gratulieren. Dabei war der Weg zuvor so nahe gewesen: Phelps hing auf Bahn drei fassungslos an der Trennleine, und auf Bahn vier stieß Biedermann den Zeigefinger seiner rechten Hand in den Himmel. Als Weltmeister über 200 Meter Freistil – vor allem aber: Als Bezwinger des berühmten Amerikaners, der bis vor kurzem noch als unbesiegbar galt.

Rasch ließ sich der gestürzte Held vom Australier Kenrick Monk den Reißverschluss seines Rennanzugs öffnen – während er Biedermann keines Blickes würdigte. Damit, dass er eineinhalb Stunden später noch zu seinem Halbfinale über 200 Meter Schmetterling antreten musste, hatte die Flucht sicherlich nur wenig zu tun. Stattdessen ahnte Biedermann, was Michael Phelps die Stimmung verhagelt hatte. Er sagte: „Er ist achtfacher Olympiasieger, und ich habe ihn auf seiner Spezialstrecke geschlagen.“
In einer Ecke, so erzählte der 22-Jährige, habe ihm der Amerikaner später doch ein anerkennendes „good race“ zugerufen. Ein ordentliches Rennen – keine Frage. „Ich habe mich geehrt gefühlt“, sagte Biedermann. Wobei man sich an den Umstand erst gewöhnen muss, dass der Hallenser Phelps’ Weltrekord von den Olympischen Spielen in Peking in 1:42,00 Minuten einfach weggespült hat.

Binnen drei Tagen hat Biedermann sogar die Rekorde zweier Schwimm-Legenden ausgelöscht. Am Sonntag hatte er bereits Ian Thorpe den Weltrekord über 400 Meter Freistil entrissen. Thorpe ließ ihm aus Australien die Nachricht zukommen: „Das warst auch du, nicht nur der Anzug.“ Aber nur Biedermann, der Anfang des Jahres wegen einer Krankheit fünf Trainingswochen verloren hat, weiß, was zu diesen Weltrekorden in Rom so alles beigetragen hat. Bereits nach dem ersten Weltrekord musste er auch Fragen nach Doping beantworten.

Seinen Sieg über Phelps nahm Biedermann zurückhaltend auf. „Michael Phelps ist noch nicht wieder der Alte“, sagte er, „er hat hier nicht das gezeigt, was er bei Olympia aufgeführt hat.“ Zumal er auch in seinem alten Anzug angetreten war. Biedermann war fast eine Sekunde unter Phelps’ Bestmarke geblieben und hatte den um ein Jahr älteren Amerikaner um 1,22 Sekunden hinter sich gelassen. Trotzdem sieht er sogar noch Verbesserungsmöglichkeiten. „Beim Start und bei den Wenden ist er besser als ich, deswegen musste ich ihn während des Rennens schlagen“, sagte er. Das ist ihm fulminant geglückt. Und dank der Entscheidung des Schwimm-Weltverbandes, die hypermodernen Kunststoffanzüge im nächsten Jahr zu verbieten, könnten seine Weltrekorde durchaus länger Bestand haben.

Auch der Frankfurter Helge Meeuw jubelte gestern in Rom, er bescherte dem Deutschen Schwimm-Verband mit seinem zweiten Platz über 100 Meter Rücken hinter dem Japaner Junya Koga am dritten Finaltag die vierte WM-Medaille bescherte. Doch Meeuws schöner Erfolg verblasste vor Biedermanns Vorstellung, die historisches Ausmaß besitzt: Phelps hatte seit den Olympischen Spielen 2004 in Athen, als er Thorpe und dem Niederländer Pieter van den Hoogenband unterlag, kein Rennen über 200 Meter Freistil mehr verloren. Bis Dienstag.

Am Sonntag hatte Phelps sich noch über Biedermann gewundert. „Man sieht es nicht alle Tage, dass einer seine Bestzeit um sechs Sekunden verbessert“, hatte er gesagt. Nun hat er es akzeptiert. Phelps sagte: „Er ist gerade einfach in einer besseren Verfassung.“

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