Schwimm-WM : Die Liebe zum Teddybär

Britta Steffen hält innerlich Distanz zur Scheinwelt Sport – ihr Thema sind benachteiligte Kinder.

Frank Bachner

Berlin - Es war eine nette Geste. Lisbeth Trickett, die Australierin, zog den Reißverschluss von Britta Steffens Anzug hoch. Die beiden verstehen sich gut, deshalb gratulierte Steffen ihrer Konkurrentin ein paar Minuten später auch lachend. Trickett hatte bei der Schwimm-WM in Rom ihr Halbfinal-Rennen über 100 Meter Freistil mit knappem Vorsprung gewonnen – vor Steffen. Die Australierin hatte nach 52,84 Sekunden angeschlagen, die Deutsche hatte drei Hundertstelsekunden länger gebraucht. Im heutigen Finale treffen beide erneut aufeinander. Trickett ist die Titelverteidigerin, Steffen hält den Weltrekord. „Wenn ich verlieren sollte, wäre ich traurig, aber es wäre kein Weltuntergang“, sagt Steffen. Wohl wahr. Sie ist Doppel-Olympiasiegerin, sie erlebt intensiv, wie sehr der moderne Sport – diese Show mit Fernsehen, Sponsoren, Inszenierungen – eine Scheinwelt ist.

Die reale Welt, dort, wo Probleme echte Krisen sind, diese Welt ist Britta Steffen emotional näher. Die 25-Jährige hatte schon vor Jahren, als nur Insider sie kannten, eine Patenschaft für ein mongolisches Kind übernommen. „Sie weiß, dass der Sport nicht das wahre Leben ist“, sagt Regine Eichborn, ihre Managerin. „Und es relativiert den Rummel, der um sie gemacht wird.“

Die Not von Kindern, das ist das soziale Kernthema von Britta Steffen in der realen Welt. Sie hat enge Beziehungen zu den Kindern einer Taschengeld-Werkstatt in Dresden, ein Projekt, das von einem ihrer Sponsoren und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DJKS) unterstützt wird. Kunden können dort für wenig Geld von benachteiligten Kindern und Jugendlichen zum Beispiel kleine Weihnachtsgeschenke basteln lassen. Sie überlegen sich Präsente, die möglichst unverwechselbar sind und damit ihre Kreativität fördern. Den Erlös erhalten die Kinder als Taschengeld.

Die Kinder haben ihrer Schirmherrin Steffen vor den Olympischen Spielen in Peking einen Teddybär als Glücksbringer gebastelt. Und für deren Teamkolleginnen der Freistil-Staffel noch kleine Bärchen. Britta Steffen erzählte später, „dass ich wirklich zu Tränen gerührt und total begeistert war“.

Prägend für Britta Steffens Engagement war ein Erlebnis, das sie vor einigen Jahren in der Schwimmhalle hatte. Sie war eine talentierte Schwimmerin, mehr nicht, und sie pflügte an diesem Tag mit Flossen durchs Wasser. Plötzlich tauchte ein kleines Mädchen auf ihrer Bahn auf und blieb hartnäckig in ihrer Nähe. Das Mädchen wollte unbedingt die Flossen der Älteren. Sie habe noch nie welche gehabt, sagte sie Britta Steffen. Die fragte nach dem Training das Mädchen: „Musst du denn nicht zu deinen Eltern?“ – „Ich habe keine Eltern, ich wohne im Heim.“ Da war Britta Steffen „echt geschockt“. Von dieser Minute an sei ihr klar gewesen, dass sie etwas für sozial benachteiligte Kinder tun wolle.

Galas, PR-Auftritte, das gehört jetzt auch zu ihrem Leben. „Prinzessinnentag“ nennt sie solche Auftritte halb belustigt, halb respektvoll. Das bedeutet nicht, dass sie diese Termine nicht ernst nimmt. Im Gegenteil, sie absolviert sie hochkonzentriert und gleichzeitig ungekünstelt. Als sie eine Laudatio bei der Verleihung der „Goldenen Henne“ halten musste, ist sie vorher mit Regine Eichhorn das Szenario durchgegangen. „Sprich langsam und mach Pausen“, hatte ihre Managerin gesagt. Als Regine Eichhorn ihre Klientin auf der Bühne beobachtete, dachte sie zuerst: „Die vergisst das alles in ihrer Aufregung.“ Aber Steffen löste ihre Aufgabe souverän.

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