Schwimm-WM : Drei Zehntel nach fünf Kilometern

Langstreckenschwimmer Thomas Lurz holt mit hauchdünnem Vorsprung zum fünften Mal WM-Gold.

Hans-Peter Sick[Rom]
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Nach der Qual. Der Zielsprint hat von Thomas Lurz (r.) und Spyridon Gianniotis die letzten Reserven gefordert. -Foto: dpa

Als Thomas Lurz das blaue Band im Ziel berührte, konnte er sich gar nicht richtig freuen. Erschöpft hob er, der Sieger, die Hand und pustete durch, während die Delegation des Deutschen Schwimm-Verbandes umso lauter jubelte. Nach mehreren Enttäuschungen bei der WM in Rom hatte mit dem Würzburger endlich mal ein deutscher Starter überzeugt. Am Lido di Ostia vor den Toren der Stadt gewann Lurz über fünf Kilometer die Goldmedaille – wenn auch denkbar knapp. Nach 56:26,90 Minuten war er in den Gewässern des Mittelmeers am Ziel. Mit dem Vorsprung eines Wimpernschlags von drei Zehntelsekunden vor Europameister Spyridon Gianniotis aus Griechenland.

Zum fünften Mal in Folge hat Lurz, der 29 Jahre alte Sozialpädagoge, den Titel über fünf Kilometer geholt. Vielleicht stieg er ja deshalb so gelassen aus dem Wasser. Kurz die Faust in der Luft geballt, eine kurze Umarmung mit seinem Bruder und Trainer Stefan, das war es dann schon. „In 25 Stunden stehen ja die zehn Kilometer auf dem Programm“, sagte Lurz entschuldigend. Er müsse jetzt schnell regenerieren. „Massage, locker schwimmen und viel essen“, so sollte sein erfolgreicher Tag weitergehen.

Es ist schon selten, dass der erfolgreichste Freiwasserschwimmer der Welt einmal Emotionen zeigt. Nur einmal musste er schlucken und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Im vergangenen Jahr in Peking, als die zehn Kilometer ihre olympische Premiere erlebten und er Bronze gewann. Da musste er an seinen Vater Peter denken, der diesen Triumph nicht mehr erleben durfte. Er starb im August 2007 nach einem Herzinfarkt bei einer Radtour. Seitdem trägt der Sohn dessen Geburtsdatum immer bei sich: als Tattoo auf der Innenseite des linken Oberarms.

Vor dem Start zu einem Rennen kann das Gemüt von Thomas Lurz äußerlich kaum in Wallung gebracht werden. „Passt schon“ und „schau’n mer mal“ sind dann die Standardworte des Würzburgers. Werden die Konkurrenten im Wasser zu schwimmenden Hyänen, sucht er sich stets seinen eigenen Weg. „Ich wollte dem Gewühle entkommen“, sagte er zu seiner Taktik auf der Strecke vor Roms beliebtestem Erholungsstrand – und bestimmte vom ersten Meter an das Tempo mit. Als es auf die Zielgerade ging, machten ihm ein paar Wellen zu schaffen. „Da habe ich die Zielbojen nicht mehr ausmachen können“, erzählte Lurz. Doch die Meute jagte weiter nur hinter ihm her. „Meine Taktik ist aufgegangen.“ Der Rest der Welt hatte wieder einmal das Nachsehen. Wenn es nach Thomas Lurz geht, soll dies noch bis zu Olympia 2012 in London der Fall sein. So lange will er noch aktiv bleiben.

Während Lurz gestern der gefeierte Held im deutschen Team war, hatte der Rest der Freiwasserschwimmer nur Erklärungsversuche zu bieten. „Keine Ahnung, woran es gelegen hat“, sagten die Geschlagenen achselzuckend. Vize-Europameister Jan Wolfgarten landete abgeschlagen auf Rang 21. Bei den Frauen enttäuschte Britta Kamrau-Corestein. Statt auf den vorgenommenen Medaillenplatz zu kommen, belegte sie über die fünf Kilometer nur Platz 19. Lediglich Nadina Pastor war mit Rang 13 halbwegs zufrieden.

Vielleicht muss Thomas Lurz heute die Bilanz weiter alleine aufbessern.

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