Schwimmen : Biedermann besser als Thorpe

Paul Biedermann gewinnt überraschend Gold über 400 Meter Freistil in Weltrekordzeit.

Frank Bachner
Biedermann Foto: dpa
Freut sich. Paul Biedermann feiert sein erste Goldmedaille bei einer Langbahn-Weltmeisterschaft. -Foto: dpa

BerlinEr brauchte ein paar Sekunden, bis er wirklich begriffen hatte, was hier gerade passiert war. Paul Biedermann starrte zur Anzeigentafel im Foro Italico, eine Sekunde lang, dann schlug er sich fassungslos an den Kopf. Ein paar Sekunden später schwang er sich auf eine Trennleine, streckte bei Arme aus und zeigte mit beiden Daumen auf sich selber. So feiert ein Überraschungs-Weltmeister, so feiert sich ein Mann, der bei der Schwimm-WM in Rom gerade die 400 Meter Freistil in Weltrekordzeit gewonnen, der mit 3:40,07 Minuten die sieben Jahre alte Bestmarke des Australiers Ian Thorpe um eine Hundertstelsekunde verbessert hatte. "Es ist unglaublich", sagte Biedermann. "Phantastisch." Gut, der 22-Jährige hatte im Vorlauf schon nach 3:43,01 Minuten angeschlagen. Das war Europarekord, das war eine Verbesserung seiner Bestzeit um 3,66 Sekunden. Aber diese Leistung im Finale, die hatte niemand erwartet. Auch wenn der Hightech-Anzug "zwei Sekunden bringt", wie Biedermann freimütig einräumte. Ihm geht die technische Aufrüstung sowieso auf die Nerven. Am Beckenrand fiel er seinem Trainer Frank Embacher in die Arme.

Biedermann ist der erste deutsche 400-Meter-Freistil-Weltmeister seit 1991, seit Jörg Hoffmans Triumph in Perth. Die 400 Meter sind nicht mal seine Hauptstrecke, er konzentriert sich eigentlich auf die 200 Meter Freistil. Alles bemerkenswert, aber zur großen Überraschung machen diese Faktoren diesen Titel und diesen Weltrekord noch nicht.

Die Überraschung entsteht aus einer anderen Zahl: 300. So viele Trainingskilometer fehlen Paul Biedermann. Der Mann aus Halle an der Saale konnte im Frühjahr wegen Pfeifferschen Drüsenfiebers sechs Wochen lang nicht trainieren. Embacher überlegte schon, ob er die WM für Biedermann nicht einfach abhaken sollte. 300 Trainingskilometer sind verdammt viel. "Wenn ich überhaupt in Rom starte", hatte Biedermann damals gesagt, "ist eine gute Platzierung nur über den Willen möglich." Und über 400 Meter, seine Teststrecke für die 200 Meter, galt der Gedanke an eine Medaille als utopische Träumerei. Über 400 Meter benötigt man noch viel mehr Ausdauertraining als über die kürzere Distanz.

Embacher konnte seinen Athleten ja nicht einfach wieder voll belasten, als dieser wieder gesund war. Langsam fingen sie an. In seiner Trainingsgruppe, zwischen den jüngeren Talenten, war Biedermann plötzlich ein Durchschnittsmitglied. "Die Jungen haben natürlich auch noch Gas gegeben", hat Embacher mal erzählt. "Die haben gemerkt, dass sie plötzlich mit dem großen Biedermann mithalten konnten." Mit dem Kurzbahn-Weltrekordler über 200 Meter Freistil. Den wurmte das enorm. Zwei Wochen lang schwamm er irgendwie mit, dann war er soweit, dass er zumindest wieder in der Gruppe einigermaßen den Ton angab.

Aber für die WM hieß das natürlich gar nichts. Doch dann begann der unerwartete Aufstieg des Paul Biedermann. Trainer und Athlet nahmen seine Leistungen verblüfft zur Kenntnis. Europarekord über 200 Meter Freistil (1:44,88 Minuten) im Juni, nochmal Europarekord (1:44,71) ein paar Tage später bei den Deutschen Meisterschaften. Der Anzug, klar, spielte eine Rolle, aber mit dem Anzug allein waren solche Leistungssprünge nicht zu erklären.

Doch selbst da galt Biedermann nicht als Medaillenkandidat, auf jeden Fall nicht über 400 Meter. Der 22-Jährige hatte noch bis kurz vor dem WM Ziele, die seinem Trainingsrückstand entsprachen. Er sagte: "Ich möchte nur ins Finale."

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