Schwimmen : Britta Steffen holt zweites Gold - Trost für ein schwaches Team

Britta Steffen hat in Peking ihr zweites Gold gewonnen. Die Berliner Schwimmerin setzte sich nach ihrem Triumph über 100 Meter Freistil am Sonntag auch im Rennen über 50 Meter durch. Doch die Leistung der deutschen Schwimmer war insgesamt schwach.

Friedhard Teuffel[Peking]
Peking 2008 - Schwimmen - Britta Steffen
Gesprintet, gewonnen, gejubelt. Britta Steffen feiert den nächsten Olympiasieg.Foto: dpa

Gab es jemals eine Britta Steffen, die vor lauter Selbstzweifeln auf einmal nicht mehr so schnell schwamm wie sie eigentlich gekonnt hätte? Schwer vorstellbar, weil am Sonntag Britta Steffen das Gewinnen ganz schön leicht fiel. Ins Becken springen, eine Bahn kraulen, anschlagen – Erste. 24,06 Sekunden. So rasant ging es. Dann stand die Berlinerin als Olympiasiegerin über 50 Meter Freistil fest. Am Freitag war sie schon über 100 Meter Freistil die Schnellste gewesen.

Ja, es gab eine Britta Steffen voller Selbstzweifel, und sie selbst wollte nach ihren beiden Siegen noch einmal an sie erinnern. „Früher stand ich auf dem Startblock und dachte: na ja, reicht das überhaupt? Die anderen sind doch viel besser und sie haben viel bessere Bedingungen", sagte sie. Gestern stand sie auf dem Startblock und dachte: Ich bin schon Olympiasiegerin. Nicht mal eine halbe Minute später war sie es noch einmal.

"Schon ein Gewöhnungseffekt"

Weil ihr bei diesem Erfolg der Kopf keine unangenehmen Fragen stellte, hatte dieser Gewinn auch nicht die gleiche Bedeutung wie das Gold vom Freitag. Zumal es eben schon der zweite innerhalb von drei Tagen war. „Hier tritt schon ein Gewöhnungseffekt ein. Der zweite Olympiasieg war nicht so schön wie der erste", sagte sie, selbst wenn sie diesmal mehr wahrgenommen habe.

Den Moment des Anschlagens am Beckenrand kostete sie auch nicht so aus wie im Finale zuvor, als sie erst einmal in sich gekehrt auf die Wand des Beckens gestarrt hatte. Britta Steffen drehte sich diesmal sofort um und schaute nach dem Ergebnis ihres Abschneidens auf der Anzeigetafel.

Ein aufregendes Rennen war es dennoch. Britta Steffen gewann nur mit einer Hundertstel Vorsprung vor der 41 Jahre alten Amerikanerin Dara Torres, die hinterher sagte: „Ich hätte mir glaube ich gestern Abend nicht mehr die Fingernägel feilen sollen." Am Anfang lag Torres leicht in Führung, bei der Hälfte der Strecke, erhöhte Britta Steffen jedoch ihre Frequenz. „50 Meter sind so kurz, die tun auch nicht weg, es geht nur darum, sich vom Kopf her Kommentare zu geben, wie man schwimmen muss", sagte Steffen.

Erfolg einer Frühaufsteherin
 
Es war auf jeden Fall genau ihre Zeit, morgens um zehn. „Ich bin eine Frühaufsteherin. Das ist mir früher schon mal zum Verhängnis geworden, weil ich im Vorlauf meine beste Leistung gebracht habe und dann abends im Finale nicht mehr so gut war", erzählte sie.

Die Startzeit sei ihr in Peking aber egal gewesen, ob Vorlauf abends oder Finale morgens. Ihre Psychologin Friederike Janofske sagt, Britta Steffen habe überhaupt eine viel größere Unabhängigkeit gewonnen, Unabhängigkeit von jeglichen äußeren Einflüssen. Steffen selbst erzählt als Beispiel die größere Unabhängigkeit von ihrem Trainer Norbert Warnatzsch. Sie trainiere inzwischen auf eigenen Wunsch mehr an Land als früher, obwohl Warnatzsch nach dem Grundsatz arbeite: Schwimmer müssen schwimmen. „Jetzt arbeiten wir als Team zusammen, ich stehe nicht mehr als Sportlerin unter meinem Trainer."

Was soll nun im Sport noch kommen nach zwei olympischen Goldmedaillen, nach einem gewonnen Kampf gegen sich selbst? „Ich weiß noch nicht, ob es das Ende meiner Karriere ist. Da muss ich erstmal ganz tief in mich hineinhören", sagte sie. Dafür möchte sich die 24-Jährige ganz viel Zeit nehmen. „Man muss feststellen, wo man ist, wo man hin möchte. Ich muss mich erstmal treiben lassen, die Seele baumeln lassen." Ihre Olympiasiege haben ihr jedenfalls eine ganz neue Entscheidungsfreiheit geschenkt.

Steffens Leistung nur Trostpflaster für das deutsche Team

Es ist das beinahe größtmögliche Trostpflaster für die deutsche Schwimm-Mannschaft: zwei Goldmedaillen von Britta Steffen. Doch es bleibe ein Trostpflaster, sagte Örjan Madsen, der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV). „Es überpflastert den Zustand der Mannschaft insgesamt und man muss hinterher das Pflaster abnehmen, damit man die Wunde sehen kann."

Nur vier Mal waren deutsche Schwimmer in einem Finale vertreten, drei Mal war Britta Steffen beteiligt: in ihren beiden Einzelfinals über 50 und 100 Meter Freistil, sowie in der 4x100-Meter-Freistilstaffel. Sonst erreichte nur noch Paul Biedermann das entscheidende Rennen über 200 Meter. Er wurde Fünfter.

„Wir müssen auf der Suche nach Ursachen wirklich ans Eingemachte gehen", sagte Madsen. Und das bedeute: den Trainingsprozess verändern. „Es ist nicht so, dass Deutsche schlechtere mentale oder physiologische Voraussetzungen hätten als Amerikaner oder Australier", sagte der Norweger.

Neuer Sportdirektor

Er hatte schon vor den Olympischen Spielen angekündigt, nicht mehr weitermachen zu wollen. Auf ihn folgt nun Lutz Buschkow, der bisherige Cheftrainer der Wasserspringer. Buschkow wird allerdings nicht wie Madsen nur für die Fachsparte Schwimmen zuständig sein, sondern auch für die drei anderen Sparten Wasserball, Wasserspringen und Synchronschwimmen. Er wird seine Vorstellungen laut Vertrag bis hinunter in Landesverbände und Olympiastützpunkte durchsetzen können. Diese Befugnisse hatte sich Madsen in seiner zweieinhalbjährigen Tätigkeit vergeblich gewünscht.

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