Schwimmen : Die Bahn wird länger ohne Anzug

Ohne Hightech-Anzüge erleiden die Schwimmer wieder mehr Schmerzen. Da gilt es: Augen zu und durch.

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Schulterfrei. Schwimmer sehen nicht mehr aus wie überdimensionale Wurstpellen. High-Tech-Anzüge sind verboten.Foto: dpa
Schulterfrei. Schwimmer sehen nicht mehr aus wie überdimensionale Wurstpellen. High-Tech-Anzüge sind verboten.Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Zum Büro von Dirk Lange geht es es am Becken vorbei, hin zu einer provisorischen Treppe mit Alu-Stufen, weiter über Steinstufen, oben auf einen Gang zehn Meter nach links, dann sinkt Lange auf eine Sitzschale der Zuschauertribüne. „Mein Büro“, sagt er grinsend. Na ja, so falsch liegt er nicht mal. Vor sich sieht er das Becken in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee; vor sich sieht er auch acht Männer, die sich gerade über 100 Meter Freistil durchs Wasser ziehen. Einer der vielen Vorläufe an diesem Tag, dem zweiten der deutschen Schwimm-Meisterschaften in Berlin. Lange ist der Bundestrainer, er muss ein Auge auf seine Athleten haben.

Die stehen vor einer spannenden Frage: Wie bin ich auch ohne diese Hightech-Anzüge, in denen man aussah wie eine überdimensionale Leberwurst, möglichst schnell? Die Anzüge sind inzwischen verboten, man hatte darin ja fast einen Auftrieb wie eine Boje.

„Bei der Anpassung des Trainings an die neue Situation haben wir noch Probleme“, sagt Lange. In der glänzenden Wurstpelle konnte man sofort eine hohe Geschwindigkeit gehen, vor allem aber fühlten sich kurz vor dem Ziel die Arme nicht an, als hingen Bleigewichte an ihnen. Jetzt muss bei den Männern der Oberkörper freibleiben, und die Frauen müssen Unterschenkel, Arme und Schulter freihalten. Damit ist man langsamer und braucht mehr Kraft. Der logische Gedanke wäre nun, dass die Athleten ihre Startgeschwindigkeit stärker dosieren, um am Ende noch Kraft zu haben.

Tun sie aber nicht, sagt Dirk Lange, und da beginnt das Problem. „Die Spitzenleute starten gleich schnell wie früher, obwohl sie wissen, dass sie am Ende sterben.“ Das ist einfach so, Renntaktik. Wer dieses Spielchen nicht mitmacht, hat verloren, jedenfalls sagt das Lange. „Wer zu langsam angeht, kann einen Topathleten nicht mehr einholen, selbst wenn der zusammenbricht“, sagt der Bundestrainer. Also gibt’s, brutal gesagt, nur eins: Augen zu, durch und hoffen, dass die Gegner früher als man selber zusammenbrechen.

Nur: Wie erreicht man auch ohne Anzug diese hohe Anfangsgeschwindigkeit? Zwei Philosophien, sagt Lange, gibt es. Die erste: mehr Krafttraining. Die zweite: mehr Ausdauer. Wer mehr Kondition trainiert, hält länger durch, das ist der Hintergedanke bei Lösung zwei. Aber da sind noch diese Feinheiten: Wie intensiv trainiert man Kraft ohne die Wasserarbeit zu vernachlässigen? Wie umfangreich trainiert man Ausdauer und verhindert trotzdem, dass die Muskeln schwinden? Das sind die Fragen, vor denen viele Trainer stünden, sagt Lange.

Frank Embacher habe sich für Ausdauer entschieden, sagt Lange. Embacher ist der Trainer von Weltmeister Paul Biedermann. Aber Embacher, deutet der Bundestrainer an, sei noch in der Findungsphase. Nicht bloß er. „Fast alle Trainer“, sagt Lange, „fischen ja derzeit im Trüben.“ Auch die internationalen.

Deshalb war für Lange auch die Mare-Nostrum-Tour im Juni so wichtig. Eine hochwertige Wettkampfserie. Ein gutes Versuchsgebiet, um zu testen, wie man mit den Geschwindigkeiten umgeht. Viele deutsche Spitzenschwimmer sprangen kraftvoll ins Wasser und kletterten mühsam wieder raus. „80 Prozent sind am Ende gestorben, weil sie von Beginn an ein hohes Tempo gegangen sind“, sagt der Bundestrainer. Aber es musste sein.

Freistil- und Delphin-Spezialist Steffen Deibler probierte beide Varianten. Als er mit Hochgeschwindigkeit loslegte, „da hatte er eine Medaille gewonnen“, sagt Lange. Dann ließ er es eher gemächlich angehen. Und? Das Ergebnis? Zum Vergessen, sagt der Bundestrainer.

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