Schwimmen : Die Buhfrau

Britta Steffen stellt in Berlin einen neuen Europarekord auf und wird dadurch noch mehr zur Reizfigur.

Frank Bachner
Steffen
Sphinx im Wasser: Britta Steffen -Foto: ddp

Berlin - Was soll man nur halten von dieser Frau? Britta Steffen erscheint in diesen Tagen wie eine schwimmende Sphinx. Nachmittags um halb fünf war sie der große Star bei den deutschen Schwimm-Meisterschaften, gefeiert von ihrem Heim-Publikum im Europapark an der Landsberger Allee. Da hatte die Berlinerin auf ihrer Paradestrecke über 100 Meter Freistil in 53,20 Sekunden gerade einen Europarekord aufgestellt. Britta Steffen warf die Arme in die Luft und ließ sich feiern. Das war die eine Britta Steffen.

Die andere hatte ein paar Stunden zuvor im Vorlauf gut eineinhalb Sekunden länger gebraucht. Grußlos hatte sie die Halle verlassen, vorbei an Trainern und Kolleginnen, bei denen sie ohnehin einen schweren Stand hat. Sie hat sich denkbar unbeliebt gemacht in den vergangenen Wochen. Denn Britta Steffen, Deutschlands beste Schwimmerin, will nicht zusammen schwimmen mit denen, die ihr folgen. Die Diskussionen um ihren Verzicht auf einen Einsatz in der 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel bei den Olympischen Spielen in Peking haben Britta Steffen getroffen. „Ich bin jetzt der Buhmann, noch bevor ich überhaupt ein Rennen geschwommen habe“, hatte sie am Montag gesagt. Die Schwimmerin aber hat in Berlin gezeigt, dass sie damit fertig wird.

An ihrem Ruf als Reizfigur wird das nichts ändern. Annika Lurz, die Deutsche Meisterin über 200 Meter Freistil etwa sagt: „Ich verstehe das nicht, es muss doch eine Ehre sein, für Deutschland zu starten.“ Und: „Ich empfinde das fast als Frechheit.“ Auch Bundestrainer Manfred Thiesmann sagte schulterzuckend: „Ich habe keine Erklärung für diese Entscheidung.“

Die offizielle Erklärung ist bekannt: Britta Steffen hat Angst, ihre Chancen auf eine Medaille, vielleicht sogar die goldene, über 100 Meter Freistil einzubüßen, wenn sie schon einen Tag zuvor in der Staffel an ihre Leistungsgrenze gehen muss. Aber diese offizielle Erklärung akzeptiert halt niemand. Möglicherweise hat Britta Steffen diese Reaktion unterschätzt, oder zumindest den Grad der Fassungslosigkeit und Verärgerung bei ihren Teamkolleginnen und diversen Trainern. Eine Schwimmerin wie Petra Dallmann, die gestern 1,41 Sekunden hinter Britta Steffen auf Platz zwei schwamm, hat nur in der Staffel die Chance, eine olympische Medaille zu gewinnen. Aber für die 4-x-200-Meter-Staffel ist diese Medaillenchance ohne Steffen gleich null.

Jetzt bricht alles über die Berlinerin herein, und nun besteht die Möglichkeit, dass ihr Verzicht fatale Folgen hat. Sie wollte den Druck, der auf ihr lastete, verringern. Stattdessen erzeugt sie nun noch viel mehr Druck, der sie möglicherweise bis Peking begleiten wird. Die öffentlichen Diskussionen werden nach den Meisterschaften erstmal verebben, die internen ganz bestimmt nicht.

Und wie Britta Steffen damit umgehen wird, das ist die große Frage. Das Gefühl vom unerträglich hohen Druck hatte sie früher zu einem zwischenzeitlichen Ende ihrer Laufbahn getrieben. Sie kam nicht zurecht mit der Rolle, die neue Franziska van Almsick zu sein, in die sie gedrängt wurde – von den Medien, aber teilweise auch vom eigenen Verband. Erst als sie begann, mit einer Psychologin zu arbeiten, fing sie sich sportlich wieder.

Britta Steffen ist psychisch robuster geworden. Aber zugleich sind auch die Erwartungen gestiegen. Jetzt geht es um einen Olympiasieg. Jetzt besteht die Gefahr, dass ihre Olympiavorbereitung unter den Diskussionen und Kommentaren leiden könnte. Da ist es für Britta Steffen neben ihrem Europarekord gestern in Berlin zumindest ein kleiner Trost, dass ihr jemand zur Seite steht, der wie kein anderer mit Druck, Kritik und Häme klar kommen musste. „Wenn sich Britta auf diese Strecke konzentrieren möchte, dann finde ich, sollte man versuchen, das zu verstehen.“ Gesprochen hat diesen Satz Franziska van Almsick.

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