Schwimmen : Die Schnelltaucher

Die Weltrekorde der US-Schwimmer sind auch das Ergebnis eines brutalen Konkurrenzkampfes.

Frank Bachner
Michael Phelps
Phänomen mit Badekappe. Michael Phelps ist selbst unter den US-Stars eine Ausnahme. Er ist nicht bloß schnell, er beherrscht auch...Foto: AP

BerlinWahrscheinlich hatte Ryan Lochte noch auf dem Startblock einen Puls 40, nicht höher als bei einem Sonnenbad am Strand. Als hätte er nicht ein extrem hartes Rennen bei den US-Schwimm-Meisterschaften vor sich. Lochte, der Weltrekordler über 200 Meter Rücken, gilt als der coolste Typ der Schwimmwelt, so einer bleibt auch noch unmittelbar vor einem Duell mit dem Superstar der Szene locker. Kurz darauf, nach 400 Meter Lagen, schlug aber auch Lochtes Herz wie ein Kolben bei Höchstgeschwindigkeit. 4:06,08 Minuten hatte er benötigt, 14 Hundertstelsekunden weniger als Michael Phelps früher bei seinem Weltrekord. Nur klammerte sich dieser Phelps neben ihm auch an eine Leine, kaputt wie Lochte, aber noch zufriedener. Phelps hatte in Omaha seinen Weltrekord auf 4:05,25 Minuten geschraubt. "Ohne das Duell mit Ryan hätte ich das nicht geschafft", sagte er später den Reportern.

Es war nur der spektakulärste Weltrekord, nicht der einzige der Titelkämpfe. Katie Hoff (400 Meter Lagen), Hayley McGregory und Natalie Coughlin (jeweils 100 Meter Rücken), sie alle schlugen mit Weltrekordzeit an. Ein Vorgeschmack auf die Olympischen Spiele.

Aber auch Ergebnis einer extrem harten Schule. Es gibt 2008 weltweit schon mehr als 40 Weltrekorde, viele im neuen mythenbehafteten Speedo-Anzug erzielt, viele von US-Stars aufgestellt. Das wundert nicht: Speedo ist Hauptausrüster der USA. Aber mit dem Anzug allein erklärt sich diese Rekordflut nicht. Auch nicht damit, dass in einem Olympiajahr immer viele Rekorde fallen. Und ob mit illegalen Mitteln nachgeholfen wurde, ist Spekulation.

Phelps nutzt jede Wende optimal - das bring ihm Vorsprung

Fakt dagegen ist die knochenharte Arbeit im Wasser in den USA. Viele Top-Stars aus Europa trainieren deswegen in den USA. "Da absolvieren selbst Mittelstreckler 100 Kilometer pro Woche", sagt Stefan Lurz, Trainer und Ehemann von Annika Lurz, Vize-Weltmeisterin über 200 Meter Freistil. Jan Wolfgarten aus Lurz' aktueller Athletengruppe trainierte sechs Jahre in Florida, in einem Team mit Lochte. Lurz kennt die Stories aus den USA. Dazu kommt der ständige, brutale Konkurrenzkampf. Stefan Herbst aus Leipzig, qualifiziert für die 200-Meter-Freistil-Staffel bei Olympia, wäre mit seiner Qualifikationszeit bei den US-Meisterschaften nicht mal ins Halbfinale gekommen. "Die haben dort keine Barrieren im Kopf", sagt Lurz. "Die sagen nicht: 4:05 Minuten über 400 Meter Lagen kann man nicht schwimmen, die machen es einfach."

Michael Phelps macht es, genau gesagt, wenn er von einem wie Lochte getrieben wird. Phelps mit seiner extremen Gleitfähigkeit und seinen phänomenalen Tauchphasen ist selbst im US-Team eine Ausnahmeerscheinung. Einer, der brutal und diszipliniert trainiert und ein begnadetes Talent besitzt. Phelps hat schon nach dem Absprung und der ersten Tauchphase nach 15 Metern eine höhere Geschwindigkeit als die meisten seiner Gegner. Im Wasser selber, bis zur Wende, ist er kaum schneller als die anderen. Doch nach jeder Wende, in jeder Tauchphase nimmt er seinen Gegnern Zeit ab. Zum absoluten Phänomen wird Phelps allerdings, je länger ein Rennen dauert. Denn seine Geschwindigkeit in den Tauchphasen bleibt bis zum Schluss fast gleich hoch, und diese Geschwindigkeit nimmt er nach dem Auftauchen mit. Da haben seine Gegner aus Kraftmangel längst die Wasseroberfläche durchbrochen. So eine Tauchphase ist auch das Erfolgsrezept von Natalie Coughlin. Dazu kommt natürlich beinharte Arbeit. "Die Frauen trainieren in den USA ja noch härter als die Männer", sagt Lurz.

Aber auch einer wie Phelps stößt an seine absoluten Grenzen. Die 400 Meter Lagen gelten als der härteste Wettbewerb im Schwimmen. "Nach 300 Metern", sagt Lurz, "ist der Körper völlig ausgelaugt. Danach wird es nur noch Kampf." Und wenn der Gegner Lochte heißt, wird der Kampf erbittert. "Das war eines meiner schmerzhaftesten Rennen", sagt Phelps. "Ich habe alles, wirklich alles gegeben." Aber danach, nach dem Anschlag, hat er Lochte umarmt.

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