Sport : Schwimmen: Ein Alter jagt die Jungen

Frank Bachner

Am Kuchenstand, vor der Braunschweiger Schwimmhalle, hatte Lars Conrad mal eine Frage. Neben ihm stand ein Zwei-Meter-Mann, fast 15 Jahre älter, die Haare schon angegraut. Zwei Stunden zuvor war der Kerl noch gegen ihn geschwommen, und zwar über 50 m Freistil bei den Deutschen Schwimmmeisterschaften. Vor allem aber: Der andere war Fünfter geworden. Conrad jedoch, der Kurzbahn-Europameister über 100 m und 200 m Freistil, nur Sechster. "Ich kenne dich gar nicht", sagte Lars Conrad, 24, also, "für welchen Verein startest du denn?" Sven Lodziewski, 36, hätte nun sagen können, dass er im Jahre 1987 Europameister über 100m Freistil geworden war. Und 1986 Weltmeister mit der 4 x 200-m-Freistilstaffel. Und 1988 Olympiazweiter mit dieser Staffel. Damals hieß sein Verein Dynamo Berlin. DDR. Aber Lodziewski antwortete nur: "Ich starte für den Zehlendorfer TSV 88." Conrad schaute ihn argwöhnisch an. "Hoffentlich", sagte er dann, "startest du jetzt nicht auch noch über die 100 m Freistil. Das wird nämlich hart."

Fragt sich nur, für wen. Für Sven Lodziewski auf jeden Fall nicht. Der belegte über 100 m Freistil Platz vier im Finale, mit 36 Jahren, und er war mit 50,79 Sekunden gerade mal neun Hundertstelsekunden langsamer als Lars Conrad, der Drittplazierte. Und damit darf Lodziewski in Japan bei den Weltmeisterschaften starten, in der Staffel. Zumindest, wenn sich Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann entschliesst, eine 4 x 100-m-Feistil-Staffel zu melden. Heute wird verkündet, ob ja oder nein.

Sven Lodziewski wäre der älteste Athlet in der Geschichte des Deutschen Schwimmverbands (DSV), den der DSV bei einer WM ins Wasser schicken würde. Ein 36-Jähriger. Einer, der in einem 200-m-Freistil-WM-Finale gegen die damals westdeutsche Schwimm-Legende Michael Groß verlor und Zweiter wurde. 15 Jahre ist das jetzt her. Eigentlich darf so etwas überhaupt nicht passieren.

Und? Weshalb passiert es trotzdem? Weil die Konkurrenz so schwach ist, deshalb passiert es natürlich auch. Aber Lodziewski, sagt Ralf Beckmann, der Chef-Bundestrainer, "kann aus seinem Körper auch alle Leistungsreserven abrufen". Und er beherrscht die Technik. Außerdem: So ganz aus dem Nichts kam er natürlich nicht. Er begann 1997 wieder mit dem Training. Erstmal nur, um sich wieder zu bewegen. Aber weil er früher gewohnt war, wöchentlich bis zu 120 Kilometer im Training zu schwimmen, hatte er bald wieder eine ganz gute Fitness. Er schwamm für seinen Zehlendorfer Klub, rückte immer stärker an seine früheren Bestzeiten heran, und bei der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft, im Winter 2001, hatte er über 100 m Freistil seinen Kurzbahn-Rekord bis auf zwei Zehntelsekunden erreicht. Er schwamm 49,28 Sekunden, und dann begann er langsam von der WM-Teilnahme zu träumen.

Natürlich holte er sich da selber immer wieder auf den Boden zurück. Er ist Arzt, angehender Internist, macht im Berliner Herzzentrum sechs 24-Stunden-Schichten pro Monat und schiebt das Training irgendwie ein. Aber auf sechs Wasser-Trainingseinheiten pro Woche kommt er immer. Zeitweise sogar auf zehn.

Seit er in Braunschweig über 50 m Freistil im Finale stand, wird er auch "nicht mehr belächelt". Die Jüngeren können mit ihm ihm, seinem großen Namen, nicht viel anfangen, aber sie sagen auch nichts. Sie bestaunen ihn nur wie eine Kuriosität. Das ist er gewohnt, allerdings kommen dann normalerweise noch entsprechende Kommentare. Bei einer Norddeutschen Meisterschaft wollten ihn Offizielle mal gar nicht auf den Startblock lassen. Er habe sich, sagten sie, hier ja wohl verlaufen.

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