Sport : Schwimmen für den Ruf

Britta Steffen muss sich den Respekt neu erarbeiten

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Berlin - Norbert Warnatzsch hat nicht viel Zeit, er sitzt auf seinem Stuhl am Rande des Beckens wie auf dem Sprung, aber dieser Vergleich, der muss jetzt sein: „Beim Kurzbahn-Weltcup 2001/2002 ist Franziska van Almsick sogar 100 Meter Rücken geschwommen“, sagt er, „allein aus trainingsmethodischen Gründen.“ Rücken! Die Freistil-Weltrekordlerin van Almsick! Warnatzsch hatte sie damals trainiert, jetzt trainiert er Britta Steffen, die Doppelolympiasiegerin. Die schwimmt beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin immerhin auf ihren Spezialstrecken, 50 Meter und 100 Meter Freistil. Aber sie kann schwimmen, wie sie will, völlig egal, sie kommt aus vollem Training, sie soll bloß Wettkampf-Erfahrung sammeln. Warnatzsch baute vor.

Tatsächlich landete Britta Steffen am Samstag beim Berliner Kurzbahn-Weltcup über 50 Meter Freistil in 24,07 Sekunden nur auf Platz zwei hinter der Schwedin Therese Alshammar. „Das war ein kleiner Teilsieg“, sagte sie. „Ich war sehr angespannt nach dieser schlimmen WM.“ Ihr Freund Paul Biedermann machte es besser und siegte in 3:41,19 Minuten über 400 Meter Freistil.

Bei Britta Steffen ging es vor allem um die Teilnahme am Wettkampf. Berlin ist ein Neueinstieg für sie, seit sie die WM in Schanghai nach verpatzten Rennen frustriert vorzeitig verlassen hat. Warnatzsch räumte ein, dass es in der Vorbereitung Probleme mit dem Krafttraining gegeben hatte. Jetzt stehen sie vor der Frage: Wie werden die Olympischen Spiele 2012 in London ein Erfolg? „Wir werden mehr Wettkämpfe als früher machen“, sagt Warnatzsch. Wettkämpfe mit den Weltstars, Duelle, die Britta Steffen früher eher gemieden hat.

Dass die internationale Leistungsdichte hoch ist, konnte Steffen schon am Samstag spüren. Da schwamm die gerade 16 Jahre junge Melissa Franklin den ersten Weltrekord bei den Frauen nach dem Verbot der Wunderanzüge. Über 200 Meter Rücken verbesserte die Kalifornierin die alte Bestmarke der Japanerin Shiho Sakai von 2009 – ebenfalls in Berlin aufgestellt – auf 2:00,03 Minuten.

Britta Steffen hat fortan härter mit der Konkurrenz zu kämpfen. Schließlich muss sie sich ihre Rolle als Führungsfigur im deutschen Team und als Respektsperson im internationalen Schwimmen erst mühsam zurückerobern. In der Weltspitze, wo viel mit Körpersprache gearbeitet wird, hatte Steffens Flucht aus Schanghai verheerende Folgen. Eine Doppel-Olympiasiegerin, die weinend abreist, verliert ihren Status als Respektsperson. „So jemanden nimmt man als Siegertypen nicht mehr wahr“, sagt ein deutscher Trainer. Auch Dirk Lange, der Noch-Bundestrainer, sagt: „Britta muss sich ihr Renommee erst wieder erarbeiten.“ Das gilt auch fürs deutsche Team. In dem hatte sich Steffen immer als Führungsfigur gesehen und, sagen Mannschafts-Insider, auch sehr nachdrücklich erwartet, dass man sie so behandelt. Aber jetzt gilt sie erst mal als eine, die das Team zurückgelassen hat.

Der Weltcup allein hilft ihr bei der Imageverbesserung nur wenig. „Sie müsste schon eine Superzeit schwimmen“, sagt Lange. „Denn viele Athleten schwimmen aus vollem Training, da ist es einfach schwer, einen echten Vergleich zu ziehen.“ Aber zumindest unter dem Nachwuchs könnte sie neue Anhänger gefunden haben. Gestern traf die Weltmeisterin Talente der Schwimm-Jugend zum netten Plausch. Nicht ganz freiwillig allerdings. Der Treff war als Wiedergutmachung gedacht: Britta Steffen entschuldigte sich damit beim Verband für ihre vorzeitige WM-Abreise.

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