Sport : Schwimmen für die Ehre

Nach der schlechten WM wollen sich deutsche Athleten in Berlin rehabilitieren

Helen Ruwald

Berlin - Deutsche Meisterschaften nicht vor, sondern zehn Tage nach Weltmeisterschaften und einer kräftezehrenden Rückreise aus Australien. Dazu Jetlag und viel Frust: Örjan Madsen, der Cheftrainer der deutschen Schwimmer, ist gespannt, ob und wie die Sportler sich mobilisieren für die Wettkämpfe, die von heute an bis zum Sonntag in der Berliner Schwimmhalle an der Landsberger Allee stattfinden. In einem Jahr wird es an gleicher Stelle um die Olympia-Qualifikation für Peking gehen, diesmal wird ein anderer Kampf ausgetragen: Es geht darum, sich für den Länderkampf im Sommer in Paris zu empfehlen – vor allem aber geht es um die verlorene Ehre und darum, überhaupt im Team zu bleiben nach dem desaströsen Abschneiden in Melbourne. Erstmals seit 1991 gewann eine gesamtdeutsche Mannschaft beim Beckenschwimmen kein WM-Gold, es gab nur dreimal Silber und einmal Bronze. Unvorgesehen ist für Schwimmer wie Helge Meeuw, Steffen Driesen, Antje Buschschulte oder auch Britta Steffen, die immerhin Einzel-Bronze und Staffel-Silber holte, in Berlin nun die Chance da, sich zu rehabilitieren.

An Herausforderern wird es nicht mangeln, schließlich sind zahlreiche Top- Schwimmer am Start, die an der Qualifikation für Melbourne gescheitert waren und die jetzt beweisen wollen, dass sie besser gewesen wären als es die Australien-Fahrer waren. Zu dieser Gruppe gehören etwa Marco di Carli, Annika Mehlhorn, Sarah Poewe, Simone Weiler oder Junioren-Weltmeisterin Daniela Schreiber. „Nach den Meisterschaften haben wir mehr Infos über die WM-Teilnehmer“, sagt Madsen, der in der übernächsten Woche mit deren Heimtrainern die Gründe für das schwache Abschneiden von Melbourne analysieren will.

Mit einfließen wird der Auftritt in Berlin. „Wenn sie hier besser schwimmen, kann das mehrere Ursachen haben“, sagte Madsen gestern. „Entweder sie sind jetzt erholter oder sie gehen es entspannter an und können ihre Leistung besser abrufen, oder beides.“ Daraus ließe sich dann ablesen, ob die Defizite im trainingstaktischen Bereich liegen oder ob die Schwimmer an ihren Nerven scheiterten. Madsen fordert ohnehin die Zusammenarbeit mit Mentaltrainern – und träumt von amerikanischen Verhältnissen. Die USA waren in Melbourne die überragende Schwimmnation, allein Michael Phelps gewann sieben Goldmedaillen. „Die 40 besten US-Schwimmer bekommen monatlich 1750 Dollar als Unterstützung und viele haben Werbeverträge. Die Jüngeren werden nach der Highschool erst einmal Profi und schieben das Studium auf“, sagt Madsen, der eng mit US-Cheftrainer Mark Schubert befreundet ist.

Rund 90 Prozent aller Medaillengewinner von Melbourne „sind Vollprofis und leben vom Schwimmen. Wenn wir das nicht hinkriegen, haben wir keine Chance. Es ist naiv zu glauben, wir könnten da mithalten.“ Die meisten deutschen Schwimmer studieren, sind in der Ausbildung oder arbeiten. „20 bis 25 sind bereit, kurzfristig Arbeit oder Studium hintanzustellen“, sagt Madsen, „aber das ist keine langfristige Sache. Wir machen jetzt einen Klimmzug vor Peking, fallen dann in den alten Zustand zurück, dann kommt vor Olympia 2012 in London der nächste Klimmzug.“

Untragbare Verhältnisse für den Norweger, der eine Strukturreform anmahnt, in die auch die Jugendarbeit einbezogen wird. Im Juni wird Madsen mit seinem Team vier Wochen in Flagstaff (Arizona) im Höhentrainingslager sein. Mark Schubert hat sein Kommen angekündigt, die Deutschen wollen an Wettkämpfen gegen die US-Stars teilnehmen.

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