Schwimmen : Henning Lambertz: Der Vorschwimmer

Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz hat große Ziele – und fordert vor den German Open mehr Flexibilität.

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Bundestrainer Henning Lambertz weiß, auf welche Atlethen er in Essen besonders achten muss.
Bundestrainer Henning Lambertz weiß, auf welche Atlethen er in Essen besonders achten muss.Foto: dpa

Der bislang letzte Kandidat auf der Sünderbank war Philip Heintz. Bei den Deutschen Meisterschaften im April kam der Schwimmer vom SV Nikar Heidelberg mit Bart und unrasiertem Körper daher – ein Bild, das Henning Lambertz zum Kochen bringt. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Schwimmer die Sache zu locker nehmen“, sagt der Bundestrainer. „Und das sollte nun auf keinen Fall noch mal passieren.“ Nun – bei den German Open, die am Mittwoch beginnen und 14 Beckenschwimmern des DSV die letzte Chance bieten, zum zweiten Mal die geforderte Norm für das WM-Ticket nach Kasan zu unterbieten.

Der Schwimmer-Chef weiß, auf wen er in Essen besonders achten muss. Da ist der 24-jährige Heintz, bei der EM in Berlin 2014 Zweiter über 200 Meter Lagen, den Lambertz zu den „Prominenten“ im Team zählt. Aber auch Kandidaten wie Clemens Rapp, Kevin Wedel, Franziska Hentke, Sarah Köhler oder Johanna Friedrich: Die waren bislang im Höhentrainingslager und konnten nicht die alternativen Gelegenheiten wahrnehmen, den zweiten Qualifikationsteil bei einem Meeting in Nancy oder bei der Mare-Nostrum-Tour in Canet, Barcelona und Monaco zu erledigen.

Elf Schwimmer haben ihr Soll bereits erfüllt, trotzdem ist ein Start in Essen für sie Pflicht. Nur zwei müssen beim letzten Form-Check vor der Abreise ins Trainingslager in der Türkei am 15. Juli nicht erscheinen – der auf hohem Niveau konstante Brustschwimmer Marco Koch, 2014 in Berlin einziger deutscher Europameister, und Freistilspezialist Paul Biedermann, der wiedererstarkte Doppel-Weltmeister von 2009.

Bundestrainer Henning Lambertz: "Müssen abwarten, wie die Feinheiten greifen"

Den Schwimmern seines Vertrauens räumt Lambertz alle Freiheiten ein – und auch mit den erweiterten Qualifikationsmöglichkeiten zwischen Deutschen Meisterschaften und German Open beweist der 44-Jährige gedankliche Biegsamkeit. „Jetzt müssen wir abwarten, wie gut diese Freiheiten gegriffen haben“, sagt der Bundestrainer. Fällt das Ergebnis bei der WM zufriedenstellend aus, wird das größere Zeitfenster auch im nächsten Jahr vor den Olympischen Spielen wieder geöffnet. Wenn nicht, liegt der Fokus wieder auf den German Open. Fürs Erste aber setzt Lambertz bei seinen Planungen, die den deutschen Schwimmsport bis Olympia 2020 zurück in die Weltelite führen sollen, auf Flexibilität. Manchem DSV-Trainer, erklärt er, falle es schwer, das über Jahre gewohnte System zu modernisieren. „Wir entwickeln uns immer, im ganzen Schnitt über alle Disziplinen, fünf Prozent hinter der Weltspitze.“

Der Chef des deutschen Schwimmsports fürchtet um seine ehrgeizigen Ziele – und greift zu einem Vergleich. „Wenn wir unsere Suppe im Topf lassen und immer nur ein bisschen mehr Salz, etwas mehr Pfeffer oder einen Schuss Sahne dazutun, bleibt der Grundgeschmack der gleiche“, sagt Lambertz. „Wir müssen den Mut haben, den ganzen Topf mal auszuschütten und komplett neu anzurühren. Dann haben wir auch eine Chance, dass wir wieder ein Schrittchen weiter nach vorne kommen.“ Andreas Morbach

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