Schwimmen : Kleinkrieg beim Fahnenwechsel

Eine vierjährige zähe Geschichte ist zu Ende. Ein Tauziehen mit allen Kniffs und Tricks. Der in Deutschland geborene Rafed El-Masri schwimmt jetzt für Deutschland - in Syrien haben sie lange verhindert, dass ihr Star geht.

Frank Bachner
Rafed El-Masri
Bei den Olympischen Spielen wird Rafed El-Masri für Deutschland ins Wasser springen. -Foto: dpa

Berlin - Rafed El-Masri stapft hinter den Startblöcken über die Fliesen. Die ganze Schwimm-Nationalmannschaft ist gerade in der Schwimmhalle des Sportforums Hohenschönhausen. Deshalb ist El-Masri barfuß und trägt nur seine Badehose. Er fährt sich mit der rechten Hand über den gewaltigen Brustkorb und verkündet grinsend: „Ich habe den deutschen Rekord eingestellt.“ 22,11 Sekunden über 50 Meter Freistil bei einem Sportfest in Monaco im Juni. Das fand er natürlich toll. Noch toller fand er allerdings, dass diesmal keiner mit einer komischen Frage auftauchte. Im April, bei den deutschen Meisterschaften, hatte er im Vorlauf auch deutschen Rekord geschwommen, 22,15 Sekunden, aber eine Stunde danach kam ein aufgeregter Funktionär, der nicht wusste, ob dieser Rekord denn offiziell anerkannt werden darf. „Haben Sie denn auch einen deutschen Pass?“, raunte er.

Hat er, seit seiner Kindheit genau gesagt. Seine Eltern leben seit Jahrzehnten in Deutschland, El-Masri wurde in Clausthal-Zellerfeld geboren. Aber man kommt halt durcheinander bei ihm. Schließlich startete er bei den Olympischen Spielen 2004, der WM 2005 und der WM 2007 für Syrien, Heimatland seiner Eltern. In Peking aber darf er für Deutschland ins Wasser springen, der Schwimm-Weltverband Fina hat es jetzt erlaubt. Noch ist der 25-Jährige nicht offiziell für Peking nominiert, aber der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) hat ihn vorgeschlagen, als Deutscher Vizemeister über 50 Meter Freistil mit Normzeit hat sich El–Masri ja qualifiziert.

Eine vierjährige zähe Geschichte ist damit zu Ende. Ein Tauziehen mit allen Kniffs und Tricks. El-Masri, Student der Sportwissenschaften, wohnhaft seit vielen Jahren in Berlin, wollte schon 2004 für Deutschland starten. Immerhin war er da schon deutscher Vizemeister. Aber damals wollte der DSV noch nicht, noch war El-Masri international nicht gut genug. Außerdem schwamm er damals noch für Syrien, und dessen Verband wollte ihn nicht freigeben. Schließlich war El-Masri sein einziger Top-Mann. Aber der Top-Mann wollte weg. Er wollte in einen großen Verband, er trainierte bei der SG Neukölln, Berlin war sein Lebensmittelpunkt. Also weigerte er sich, bei den westasiatischen Meisterschaften 2005 für Syrien zu starten. Sonst hätte er nicht mal theoretisch die Chance gehabt, bei der EM 2006 für Deutschland zu starten.

Die Weigerung nahm ihm der syrische Verband übel. Er sperrte ihn einen Tag später verbandsintern für vier Jahre. Offiziell aus disziplinarischen Gründen. Das erfuhr El-Masri allerdings erst fünf Monate später. Er war ahnungslos in Berlin, als ihm sein Trainer von der Sperre erzählte. Der hatte es auch nur von jemanden, der im Internet darauf gestoßen war. „Ich fiel aus allen Wolken“, sagt El-Masri. Dann begann er „zu rotieren“. Er flog nach Damaskus, traf den Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees und hörte mit wachsender Wut, dass die Sperre natürlich aufgehoben werde. Wenn er wieder für Syrien starte, versteht sich.

El-Masri gab nach, letztlich der entscheidend richtige Schritt. Denn bei den Asienspielen 2006 gewann der Freistil-Schwimmer Gold, das erste Gold für Syrien bei solchen prestigeträchtigen Titelkämpfen. Ein Triumph. Im syrischen Fernsehen wurde dieser Mann mit dem muskulösen Oberkörper und dem gewaltigen Brusthaar als Sensation dargestellt. Syrer aus Berlin haben ihn angerufen, eine Einladung aus Damaskus landete in seinem Briefkasten. El-Masri musste absagen, er hatte Uni-Termine. Der Titelträger hat seither ein enormes Standing in Syrien. El-Masri merkt das, wenn er ins das Land reist. Talentierte Schwimmer überfallen ihn mit Fragen. Er redet dann über Technik, über Motivation und sagt irgendwann: „Stellt nicht Training über alles.“ Auch höchste Funktionäre empfingen ihn kurzfristig. „Ich hatte nie verschlossene Türen“, sagt El-Masri.

Das traf sich gut, denn El-Masri wollte natürlich immer noch den Verband wechseln. Nach der WM 2007 forcierte er das Tempo. Er überreichte alle nötigen Unterlagen dem DSV, die Fina wurde eingeschaltet, und El-Masri startete zwölf Monate lang nicht mehr für Syrien. Damit war die offizielle Wechselsperre beendet, der syrische Verband drohte auch nicht mehr mit einer internen Sperre aus fadenscheinigen Gründen. „Ich hatte so ein gutes Standing, das haben die sich nicht getraut“, sagt El-Masri.

Aber gab es ein Problem. Er musste sich erst mal bei den deutschen Meisterschaften für Peking qualifizieren. Deshalb wartete der DSV mit dem Gesuch beim Weltverband um Startfreigabe. Hätte sich El-Masri nicht qualifiziert, dann hätte er für Syrien in Peking ins Wasser springen können. Er qualifizierte sich, hinter Steffen Deibler wurde er Zweiter über 50 Meter Freistil. Deibler verbesserte dabei El-Masris Rekord vom Vorlauf auf 22,11 Sekunden. Doch den stellte El-Masri in Monaco dann wieder ein.

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