Schwimmen : Michael Phelps: Widerwillig in Berlin

Michael Phelps will vor dem Schwimm-Weltcup in Berlin vor allem eines deutlich machen: Der Wettkampf ist ihm unwichtig.

Frank Bachner
Phelps
Michael Phelps -Foto: dpa

Berlin - Die Baseballkappe sitzt schief auf dem Kopf, das sieht lässig aus. Michael Phelps zwängt sich hinter einen Tisch und kramt einen Filzstift hervor. Er ist bereit auf den Ansturm. Für den sorgen unter anderem ein paar Teenager, die so fürchterlich kreischen, als hätten sie das jugendliche Mitglied einer Boygroup vor sich. Nur ist Phelps schon 24, er hat 14 olympische Goldmedaillen im Schwimmen gewonnen, er trägt einen struppigen Bart im kantigen Gesicht. An diesem Freitagvormittag gibt er in einem Kaufhaus am Berliner Alexanderplatz eine Autogrammstunde.

Phelps unterschreibt im Fließbandtempo. Es ist seine erste Autogrammstunde in Europa. Außerdem startet der US-Amerikaner zum ersten Mal in Deutschland, beim Schwimm-Weltcup in Berlin. Dort trifft er auf Paul Biedermann, also den Deutschen, der ihn bei der WM in Rom so sensationell über 200 Meter Freistil besiegt hatte. An diesem Samstag schon schwimmen sie über 400 Meter Freistil gegeneinander, und Biedermann sagt: „Ich freue mich auf das Duell. Ich bin schon ganz gespannt.“ Biedermann sitzt auf dem Podium in einem Berliner Hotel. Es ist eine Pressekonferenz, zwei Stunden nach der Autogrammstunde am Alexanderplatz.

Dann schlurft Phelps gelangweilt in den Saal, eine menschgewordene Botschaft mit Bart: Dieser Start ist für mich so bedeutend wie der Kauf von einem Pfund Äpfel, will Phelps wohl sagen. Die graue Jogginghose hängt tief an den Hüften, seine Sätze nuschelt Phelps lässig ins Mikrofon. „Ich bin hier ganz bestimmt nicht in Bestform“, sagt er. Dieser Start in Berlin, das sei ein Test, nicht mehr. Und wenn er verliert? „Was passiert, passiert eben“, sagt Phelps. Ein Philosoph in Schlabberhose.

Das mit der Form stimmt zumindest, Phelps kommt aus vollem Training. Er schwimmt ja nicht mal in seinem High-Tech-Anzug, weil diese Anzüge ab dem 1. Januar ohnehin verboten sind. „Ich möchte mich an die neuen Badehosen gewöhnen“, sagt er. Und überhaupt: die Kurzbahn. Seinen letzten Wettkampf im 25-Meter-Becken hatte er 2006 absolviert, in Stockholm, vor ein paar Tagen, ist er beim Kurzbahn-Weltcup zweimal gar nicht erst bis in das Finale gekommen. Stockholm und Berlin, das werden seine einzigen Weltcup-Starts bleiben. Dass er überhaupt startet, ist ein Entgegenkommen an den US-Verband. Der hatte seinen Star nämlich um den Start gebeten.

Doch der Eindruck könnte täuschen. Phelps wird in Berlin nicht bloß eine Trainingseinheit absolvieren. Er hasst es zu verlieren, er wird mit Sicherheit an seine derzeitigen Grenzen gehen, auch wenn es vielleicht nicht zum Sieg reichen wird. Und die Niederlage gegen Biedermann, die dürfte unverändert schmerzen. Mark Warnecke, der Arzt von Biedermann und frühere Weltklasse-Schwimmer, vermutet sogar, dass Phelps solche Starts auch dazu nutzt, um die Schwächen der Konkurrenz zu studieren, daraus zu lernen.

Andererseits ist Phelps auf jeden Fall gelassener als früher. Er hat alles gewonnen, was es im Schwimmen zu gewinnen gibt, er hat eine dreimonatige Sperre erhalten, weil er den Konsum von Marihuana zugegeben hatte. Er spürt einerseits weniger Druck als früher, andererseits muss er Wege finden, sich neu zu motivieren. „Klar bin ich entspannter als früher. Ich habe mir nach 2008 meine Ziele anders gesetzt“, sagt er.

Medaillen bei den Olympischen Spielen 2012 in London, das sind die großen Ziele des Michael Phelps. Viele Medaillen. Wie viele genau? Da lächelt Michael Phelps und nuschelt: „Mein konkretes Ziel kennt nur mein Trainer Bob Bowman.“

Bowman sitzt zwei Stühle weiter. Er schweigt.

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