Schwimmen : Paul Biedermanns rätselhafter Aufstieg

Der Topschwimmer Paul Biedermann war wochenlang krank – jetzt schwimmt er sensationell Europarekord.

Frank Bachner
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Gruß vom Europarekordler. Paul Biedermanns jüngster Erfolg überrascht. Foto: dpa

Berlin - Frank Embacher machte sich keine Illusionen. Im Körper von Paul Biedermann kursierten unzählige Epstein-Barr-Viren, damit war der Weltklasseschwimmer aus Halle an der Saale lahmgelegt. Embacher kannte das Ganze als Pfeiffersches Drüsenfieber, ihm war es allerdings völlig egal, wie man die Krankheit nannte. Der Trainer Embacher konnte mit dem Kurzbahn-Weltrekordler über 200 Meter Freistil wochenlang nicht trainieren, das zählte. Eine gute Platzierung bei der WM in Rom im Juli, sagte er, sei nur „über den Willen“ möglich. Wenn er überhaupt möglich sei, der WM-Start.

Das war im März 2009.

Frank Embacher war völlig perplex. „Ach, du Scheiße“ – mehr fiel ihm nicht ein. Paul Biedermann hatte gerade in Monaco mit 1:44,88 Minuten einen Europarekord über 200 Meter Freistil aufgestellt.

Das war am Sonntag.

Und jetzt stehen sie alle da und rätseln: Wie ist das möglich? Embacher weiß es nicht, Biedermann auch nicht, und Dirk Lange, der neue deutsche Cheftrainer, sagt auch nur: „Ich bin überrascht. Ich hatte ihn zwei, drei Sekunden langsamer erwartet.“ Er hatte in Monaco den Kollegen Embacher in der Halle angerufen, aber der hatte auch keine Erklärung. Gut, der einzige Hinweis war dieser Test in der vergangenen Woche. Da hielt sich Biedermann ganz gut.

Aber sonst? Sonst deutete alles darauf hin, dass Biedermann höchstens knapp unter 1:50 Minuten bleiben würde. Er reiste ja erst am Freitag in Monaco an, als die deutsche Mannschaft längst vor Ort war. Aber wegen seiner Krankheit wollte Biedermann so lange wie möglich zu Hause trainieren. Und Embacher hatte eine klare Vorgabe gemacht: Bleib’ unter 1:50 Minuten.

Am Samstagabend dann hatte Biedermann seinen ersten Einsatz, die 400 Meter Freistil. Eine Strecke zum Warmwerden. Der 22-Jährige sollte lediglich taktisch schwimmen, er sollte die beiden Russen im Feld in Schach halten. Diesen Job erledigte er ohne große Mühe. Biedermann gewann in 3:48,77 Minuten. Aber hochrechnen auf die 200 Meter Freistil ließ sich das nicht.

Und dann dieses Rennen. 1:44,88 Minuten, eine Hundertstelsekunde schneller als der bisherige Europarekordler Pieter van den Hoogenband, 1,22 Sekunden unter dem Deutschen Rekord, 1,80 Sekunden unter der WM-Norm des Deutschen Schwimmverbands. Und das nach wochenlanger Pause. 300 Trainingskilometer fehlten Biedermann. Journalisten in Monaco sagte der 22-Jährige: „Als ich im Ziel war, habe ich zunächst gar nicht bemerkt, dass es Europarekord war.“

Und was bedeutet das jetzt für die Deutschen Meisterschaften in Berlin, in gut einer Woche? Schwer zu sagen, Lange weiß es auch nicht. „Ich hoffe nur, dass er nicht zu früh in Topform ist.“ Aber spekulieren bringt ohnehin nichts, „ich bin froh, dass er so schnell war“.

Das kann man gut verstehen. Biedermann zählt – gesund – neben Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen zu den größten Hoffnungen der deutschen Schwimmer. Die stehen nach der Olympia-Pleite unter Druck. Lange hat sehr hohe WM-Normen angesetzt, aber die, sagt er, sind notwendig. Und mit Biedermann hat er einen Athleten, der enorm gelernt hat. Es gab Jahre, da hatte Biedermann alles ziemlich lässig gesehen. Dann stellte ihm der genervte Embacher die Sinnfrage. Biedermann überlegte, entschied sich dann für professionelles Training und steigerte seine Zeiten beträchtlich.

Er ist jetzt Europarekordler, das schon, aber vom Weltrekord des US-Amerikaners Michael Phelps (1:42,96) ist er Lichtjahre entfernt. Aber für die WM ist das möglicherweise völlig bedeutungslos. Denn Phelps ist derzeit nicht in Form. „Ich weiß gar nicht“, sinniert Lange, „ob er in Rom überhaupt über 200 Meter Freistil antritt.“

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