Schwimmen : Unmut im Anzug

Eigentlich ist klar festgelegt, was die Schwimmer tragen dürfen – trotzdem gibt es Durcheinander.

Frank Bachner
Schwimmen
Materialschlacht. 348 Anzüge von 21 Herstellern wurden beim Weltverband zur Überprüfung eingereicht. -Foto: dpa

Berlin - Auf dem gewaltigen Brustkorb von Helge Meeuw zeigen sich ein paar Haare, ein paar Zentimeter tiefer sieht es so aus, als hätte sich der Weltklasseschwimmer einen geplatzten Reifen um die Hüfte geschlungen. Aber Meeuw hat sich bloß teilweise aus seinem schwarz glänzenden Anzug geschält. Es ist das gleiche Modell, in dem Britta Steffen Weltrekord über 100 Meter Freistil geschwommen ist, aus Hightech-Material, Wert rund 400 Euro. Ach, sagt Meeuw fast verächtlich, eigentlich stecke er doch in einer Plastiktüte: „Eigentlich schwimmen wir doch alle nur in Plastiktüten.“

Er ist in seiner Plastiktüte bei den deutschen Meisterschaften in Berlin deutschen Rekord über 50 Meter Rücken geschwommen, aber genau das ist das Problem. Bestzeit, „obwohl ich weniger professionell trainiert habe als früher“. Das ganze Schwimmen „wird durch diese technischen Entwicklungen zerstört“. Die gute, alte Badehose im Becken, das wäre ihm das liebste. Stattdessen: „Jede Woche ein neues Signal“ von der Materialfront, das reinste Chaos. Die Szene wird völlig vereinnahmt von diesem Thema; Anzüge, Beschichtungen, Auftrieb. Alles bündelt sich zu einem Bild: heilloses Wirrwarr. Genau genommen ist die Debatte eine Mischung aus gefühltem Frust, handwerklichen Fehlern und undurchsichtigen Aktionen hinter den Kulissen.

Steffen Bernhardt sitzt vor seinem Laptop, ein paar Meter vom Beckenrand in der Halle an der Landsberger Allee entfernt, und dehnt seine Worte. „Das Wort Chaos halte ich für sehr hoch gegriffen“, sagt er. „Für uns als Verband ist keines erkennbar.“ Bernhardt ist Leistungssportreferent des Deutschen Schwimmverbands (DSV), er ist der Verbands-Experte für die Anzugsfrage. Bernhardt orientiert sich streng an Regeln, deshalb reagiert er so gelassen.

Die Regeln sind erst einmal klar. Im März 2009 hatte der Weltverband Fina auf die Flut von 108 Weltrekorden im vergangenen Jahr reagiert und endlich Standards für die neuen Hightech-Anzüge festgelegt. 21 Hersteller reichten 348 Anzüge bei der Fina zur Kontrolle ein. 202 wurden sofort genehmigt, zehn sofort verboten, der Rest musste überarbeitet werden. Dieses erste Ergebnis wurde im Mai im Internet veröffentlicht. Am 22. Juni tauchten auch die Anzüge im Netz auf, die in veränderter Form genehmigt wurden. Deshalb sagt Bernhardt: „Wir wissen, welcher Anzug erlaubt ist, das ist für uns entscheidend.“

Die Sportler aber haben das Gefühl, von der Flut der Informationen überspült zu werden. Weltrekorde werden anerkannt, dann wieder annulliert, Anzüge werden erst einmal nicht genehmigt und dürfen dann doch wieder getragen werden. Insgesamt sechs Weltrekorde hat die Fina annulliert. Darunter auch den des Franzosen Alain Bernard über 100 Meter Freistil. Wochen später hat die Fina das Modell, das Bernard getragen hat, dann doch erlaubt, allerdings offiziell modifiziert.

„Es nervt“, stöhnt Europameister Paul Biedermann. „Es gibt Anzüge, die sind nicht regelkonform, die verzerren den Wettbewerb.“ Was er genau meint, sagt er nicht. Aber seine Einschätzung steht für die ganze Unsicherheit der Schwimmer. In Berlin gibt es am Beckenrand ein beliebtes Rätsel: Ist der Anzug des Konkurrenten überhaupt erlaubt? Irgendwann baute sich vor Bundesstützpunkttrainer Frank Embacher aus Halle an der Saale einer seiner Athleten auf, zeigte zum Wasser und sagte fast empört: „Der da auf Bahn sechs hat einen nicht genehmigten Anzug.“ Ob das stimmt, weiß keiner.

Immer schwingt der Verdacht mit, es werde generell gemauschelt. Warum ein Modell erlaubt wurde, ein anderes aber nicht – kein Trainer weiß es. Diese Unsicherheit überträgt sich auf die Sportler. „Das ist ein Problem“, gibt Bernhardt zu. Das Problem ist ja nicht, dass sich Athleten allen Ernstes mit physikalischen Testmethoden beschäftigen, es geht ums Gefühl. „Die Sportler fragen sich, weshalb zum Beispiel ein Anzug verboten ist, obwohl er sich für sie gleich anfühlt wie das Modell eines Konkurrenten.“ Der Anzug, in dem Britta Steffen ihren Weltrekord schwamm, ist genehmigt. Diskussionen, ob er nicht doch regelwidrig Auftriebshilfe leistete, gab’s trotzdem in der Halle.

Und noch eine Frage wabert umher. Üben Hersteller Druck aus, damit ihre Modelle erlaubt werden? Ein neuer Hersteller zum Beispiel hat sich 2009 sehr aggressiv und erfolgreich auf dem deutschen Markt positioniert. Auf der ersten Liste der Fina tauchte er allerdings überhaupt nicht auf, also auch nicht mit Modellen, die zu verändern waren. Auf der zweiten Liste allerdings war der Name mehrfach zu lesen.

Die erste Liste der Fina mit den erlaubten Anzügen wurde zufällig zwei Tage vor den deutschen Jahrgangsmeisterschaften veröffentlicht. Und nun herrschte bei diversen Athleten helle Aufregung: Denn sie hatten genau jene Modelle, die nun nicht erlaubt waren. In aller Hektik mussten sie sich Ersatzanzüge besorgen. Ein anderer großer Hersteller ist Hauptsponsor der Fina, ein weiterer rüstet die italienische Nationalmannschaft aus. Und die WM findet in vier Wochen in Rom statt. Verärgerte Gastgeber sind nicht im Sinne der Fina. Aber alles nur ungute Gefühle, es gibt keine Beweise für Mauscheleien.

Einen Beweis gibt’s nur für das rasante Tempo der Veränderungen. An einer Wand in der Halle klebt ein Zettel. Ein Anzug wird dort „günstig“ angeboten. Es ist das Modell, in dem 2008 fast 100 Weltrekorde geschwommen wurden.

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