Schwimmen : Wieder tiefer gelegt

Ab 2010 sind die High-Tech-Anzüge im Schwimmen verboten, dann müssen die Athleten wieder Textil-Badehosen tragen. Das trifft die Schwimmer, die mit Übergewicht ins Becken springen.

Frank Bachner
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Fingerspitzengefühl. Beim Schwimmen zählt jede Bewegung, weil der Widerstand im Wasser möglichst gering sein muss. Foto: AFPDDP

Berlin - Ein paar Sekunden lang wirkte dieser breitschultrige Kerl mit seinen beeindruckenden Muskeln wie ein trotziges Kind. Paul Biedermann stand barfuß vor den Mikrofonen, sein glänzender Schwimmanzug klebte an ihm, als wäre er auf die Haut geschweißt, und Biedermann verkündete: „So lange er erlaubt ist, trage ich ihn.“ Er, das ist der Anzug. Die Hightechplastikhaut, in der Biedermann beim Weltcup in Berlin gerade Weltrekord über 400 Meter Freistil geschwommen hatte.

Sie sind noch bis zum 31. Dezember erlaubt, diese aufgerüsteten Schwimmanzüge, dann hat es eine Ende mit der Rekordflut. 116 Weltrekorde allein in diesem Jahr, 85 deutsche Rekorde seit Jahresbeginn, doppelt so viele wie zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr, kein Wunder, dass selbst Biedermann genervt sagt: „Ich hoffe, dass Weltrekorde ab 2010 nicht mehr entwertet werden.“

Werden sie wohl kaum, weil es dann wahrscheinlich erheblicher weniger Bestmarken geben wird als jetzt. „Alle werden langsamer werden“, sagt Dirk Lange, der Chef-Trainer der deutschen Schwimmer. Frank Embacher, der Coach von Weltrekordler Paul Biedermann, glaubt, „dass nun die guten Techniker, die jetzt in der zweiten Reihe stehen, wieder nach vorne kommen“. Eine frühere deutsche Weltklasseschwimmerin, die beim Weltcup als Zuschauerin am Beckenrand stand, beklagte sich, „dass viele Grobmotoriker im Wasser unterwegs sind, die jetzt schnell schwimmen“.

Die Wasserlage wird den Unterschied ausmachen zwischen der Hightechphase und der neuen Zeitrechnung, in der wieder die streng reglementierte Textilbadehose beziehungsweise der alte Textilbadeanzug getragen werden muss. Die Plastikanzüge heben die körperlichen Unterschiede der Athleten auf, in dem Anzug hat jeder Athlet eine optimale Wasserlage.

Die aktuellen Anzüge sind so eng geschnitten, dass sie einen enormen Auftrieb geben. „Die Schwimmer liegen ja fast schon auf dem Wasser“, sagt Manfred Thiesmann, der langjährige Bundestrainer, der jetzt in Hannover als Coach arbeitet. Selbst wer nicht Idealgewicht hat, liegt sehr gut im Wasser.

Besonders krass konnte man den Unterschied bei Michael Phelps sehen. Der 14-malige Olympiasieger sprang in Berlin in Textilhose und mit ein paar Kilogramm zu viel ins Wasser. „Der ist ja tiefergelegt“, spottete ein Spitzentrainer. Phelps schwamm nur hinterher.

Ohne Anzüge werden die Unterschiede wieder deutlicher. Wer nicht richtig austrainiert ist, liegt tiefer im Wasser, sein Körper bietet mehr Widerstand, er benötigt mehr Kraft, um schnell vorwärtszukommen. „Ein Mann wie Johannes Dietrich“, sagt Thiesmann, „wird vermutlich jetzt ein paar Probleme bekommen.“ Der Schmetterlingspezialist Dietrich wirkt mitunter nicht unbedingt austrainiert.

Dirk Lange, der Bundestrainer, bereitet sich natürlich auch auf die Umstellung vor. „Das Material hat Einfluss auf Technik und Taktik. Dem werden wir Rechnung tragen“, sagt er. Denn durch das hochwertige Material, das hat er schon vor Monaten gesagt, „verliert die Technik an Bedeutung“. Die Anzüge korrigierten technische Mängel. „Die Leute, die heute vorn liegen, die schwimmen technisch schlechter als Popow“, sagt Lange.

Der Russe Alexander Popow, Olympiasieger und Weltmeister, hatte als großer Stilist lange Zeit die kurzen Freistilstrecken dominiert. Kraft und Dynamik, so lautet Langes Erkenntnis, gewinnen mit den Hightechanzügen an Bedeutung, auf Kosten des Schwimmens.

So gesehen muss nun, im neuen Zeitalter der Textilbadehose, offenbar wieder mehr Technik trainiert werden. Dass gute Techniker nun wieder weiter nach vorne schwimmen, das sehen mehrere Trainer so. Thiesmann sieht das ein wenig anders. Die Technik habe mit der Anzugsfrage wenig zu tun, sagt er. Wer über eine gute Technik verfüge, der sei auch jetzt schon erfolgreich. „Die Leute, die jetzt vorne sind, die wären es auch ohne die neuen Anzüge.“ Einen Vorteil hätten ab 2010 vor allem die austrainierten Athleten, die kein Gramm zu viel mit sich schleppen, weil die weniger austrainierten jetzt ihre Mängel nicht mehr durch den Anzug ausgleichen könnten.

Für Phelps’ Trainer Bob Bowman betreiben auf jeden Fall ab 2010 alle Athleten „wieder den gleichen Sport“. Und Biedermann hat sich auch schon Gedanken über ein zunehmend drängenderes Problem gemacht: Was soll er mit den bald ausrangierten Hightechanzügen anstellen? Was seine Konkurrenten machen, weiß er nicht. „Ich selber“, sagt er, „ich werde sie einem Museum stiften.“

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